Am Himmel ein Palmengeschwader, die runden Büschel rutschen ins Sichtfeld und wieder heraus, ins Sichtfeld, und wieder heraus. An einer roten Ampel lehne ich den Kopf ans Seitenfenster und starre ins sonnenstichige Blau über mir. Dass man ausgerechnet Los Angeles an seinem Himmel erkennt, diese ausgewalzte Ansiedlung am Pazifik.

Selbst die Parkplätze sind getauft, ihre Namen klingen antik: Athena Parking oder Olympic Trophy Parking. Sechs Spuren in jede Richtung, muskelige Rams, Escalades und Suburbans, chromglänzende Kühlergrills, strassgerahmte Nummernschilder, eine gläserne Autobahnkirche mit den Ausmaßen eines Shoppingcenters. Raue Dachpappelandschaften, darunter rosa Magnolien. Bei Dieter's Motors funkeln die Mercedes-Limousinen, wie sie es unter einer deutschen Sonne nie könnten. Beige Hügel, Pinienalleen, eine US-Flagge, so groß, dass man einen Truck darin einhüllen könnte. Wo der Boden eben ist, hebt der Wind Staub in die Luft. Lost Hills Road. Fenster zu, Klima an.

Los Angeles mag für Hollywood stehen, die Stadt aber funktioniert genau andersherum. Während ein Filmstudio Größe illusioniert, eine sorgsam kleingefaltete Welt beherbergt, ist die Stadt übergroß. Man braucht Zeit um sie zu sehen, und Benzin.

Elysium

Getty Museum, Brentwood © Alexander Krex/Zeit Online

Beginnen wir ganz oben, im Getty Museum, das der Stadt enthoben scheint. Wie ein perfekt erhaltenes Dinosaurierskelett liegt das Gebilde aus lichtem Stein und hellen Platten in den Bergen von Santa Monica. 270 Meter über dem Pazifik, dessen Wellen die untergehende Sonne vertausendfachen.

Im Dezember 1997 wurde das Getty eröffnet. Mit 1,3 Milliarden Dollar Baukosten war es um einiges teurer als die Elbphilharmonie. Der Besuch ist trotzdem kostenlos, bemerkenswert. Dafür muss ich zehn Dollar für den Stellplatz im Parkhaus bezahlen. Von hier fährt eine Monorail hinauf, 1,2 Kilometer in vier Minuten. Ich sitze im ersten von drei elfenbeinfarbenen Waggons, draußen ziehen knorrige Bäumchen vorbei, unter mir vibriert der Freeway nach San Diego.

Oben dann stehe ich vor einem jener Bauwerke, die so schön sind, dass beinahe egal ist, was sie beherbergen. Die verwinkelte Anlage birgt halbschattige Innenhöfe und hohe Arkadengänge, saftig grüne Wiesenterrassen und steinerne Freitreppen. Und immer wieder Springbrunnen, deren Plätschern sich zu einem weißen Rauschen zusammenfügt. Im Süden des Areals, am Ende eines schmalen Stegs, liegt ein kreisförmiger Kakteengarten, dahinter, blau eingefärbt von vielen Lagen Luft, Los Angeles.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass man im Getty Museum auch Gemälde von Rembrandt, Rubens, Renoir oder van Gogh anschauen kann. Hochkultur. Von hier aus kann es eigentlich nur noch bergab gehen.

Asche zu Asche

Julien's Auctions, West Hollywood © Alexander Krex/Zeit Online

Ein anthrazitfarbener Flachbau in West Hollywood, die Schaufensterpuppen drehen der Straße den Rücken zu. Drinnen Klimaanlagenkälte, ein paar Klappstuhlreihen, wenige Leute. Hatte ich mir voller vorgestellt, immerhin geht es heute auch und im Wortsinn um den Mann, der Frühstück bei Tiffany und Kaltblütig geschrieben hat. "Truman Capote?", frage ich. "Verkauft", antwortet die Frau am Eingang.

43.750 Dollar hat ein anonymer Sammler für Capote bezahlt. Schwer zu sagen, ob das viel ist für die Asche eines berühmten Schriftstellers. Versteigert wurde sie in einer mit Schnitzereien verzierten japanischen Holzschachtel, die bis zu ihrem eigenen Tod bei Joanne Carson stand, einer von Capotes engsten Freundinnen. Vielleicht über dem Kamin.

Los Angeles

Weil ich schon mal da bin, schaue ich mich im Auktionshaus um. Rechts an der Wand stehen Vitrinen, ihr Glas ist poliert. In einer liegt Steve Jobs’ alter Elektrorasierer, daneben ein schwarz-gelb gemusterter Schlips, der ihm einmal gehörte, und eine Videokassette mit der Aufschrift "estate survey 1986".

Gerade ist Charlton Heston an der Reihe, also dessen Nachlass: Versteigert werden seine Manschettenknöpfe in den Farben der US-Flagge, Gemälde mit Szenen aus Ben Hur, eine Entenattrappe, die er beim Jagen verwendet hat oder auch nicht. Der Auktionator klingt gleichzeitig aufgeregt und abgebrüht, wie der Ansager bei einem Boxkampf:

"Chaaaarlton Heeeeston! Großer Schauspieler! Einer der größten aller Zeiten. Weltberühmt als Ben Hur und als Moses. Kommen wir jetzt zu Gegenstand 588: ein kupferner Kerzenständer aus seinem Anwesen. Was für ein schönes Stück! 500! 550! 600! 650! 700? 700? 700? Verkauft für 650 Dollar an den Bieter mit der Nummer 1171!"

Linker Hand sitzen sieben, acht Mitarbeiter an einem langen Tisch und schauen auf ihre Laptops. Manchmal klingelt ein Telefon, in das sie knappe Sätze sagen. Die Käufer sitzen auch an ihren Computern, in allen Ecken dieser Welt, bis in die Hollywood strahlt.