Viele Straßen in Ho-Chi-Minh-Stadt sind gesäumt von Garküchen. © Hiep Nguyen/unsplash.com

Nach dieser zumindest in seiner Form europäischen Zwischenmahlzeit lotst uns Lâm zu einem Seafood-Restaurant einige Straßen weiter. Einen Namen hat es nicht, und selbst auf Google Maps sucht man das Haus vergeblich. Die Stimmung auf dem kleinen Platz davor ist von Reisschnaps befeuert, die Bestellungen werden gellend-laut über die Köpfe hinweg geschrien. Unter Glas liegen zwanzig, dreißig verschiedene Sorten Meeresfrüchte, auf die man nur mit dem Finger zu zeigen braucht. Unsere Gruppe nimmt im Inneren Platz. Daran, dass wir uns auf den wackligen Plastikhockern fühlen wie Riesen in einer Puppenstube, haben wir uns schon gewöhnt. An den Wänden hängen Fotos der Kinder, die jemand in eine westliche Szenerie aus Weihnachtsbäumen und Donald Ducks gephotoshopt hat.

Dann kommt unser Essen: Knoblauchmuscheln mit Erdnusstopping, in Butterkaramell simmernde Jakobsmuscheln, dazu viel Bier. Wir tun es den Einheimischen um uns herum gleich und lassen die leeren Muschelschalen auf den Boden fallen. Gegessen wird überwiegend mit den Fingern. Eine rauschhafte Stimmung macht sich breit, weniger wegen des Alkohols als des Lärmpegels, durchmischt von Kinder- und Marktgeschrei, dem Zischen der Pfannen und den sich stets aufs Neue füllenden Platten vor uns. Die Krustentiertürme auf dem Fußboden wachsen und wachsen.

Jetzt ein Verdauungsspaziergang

Spätestens jetzt könnten wir alle einen Verdauungsspaziergang gebrauchen. Stattdessen brettern wir wieder mit dem Moped durch die Nacht. Unterwegs begegnen wir gebeugten Frauen, die auf ihren Schultern autoreifengroße Schalen voller Minimangos transportieren, Hühnerkäfigen auf Motorrollern, einmal sogar einem lebendigen Schwein, das in einem torpedoförmigen Korb seinem Ende entgegenfährt. Unsere vorletzte Station ist bekannt für seine Bò lá lốt, in Betelblätter eingewickelte Rindfleischröllchen. Als wir aufgegessen haben, macht sich ein Grinsen auf Lâms Lippen breit. Er hat noch eine Überraschung bestellt, nämlich jene eingangs beschrieben Balut. "Ein toller Snack", feixt er, "besonders für Männer, ist gut für die Potenz." Nach einigem Hin und Her trauen sich tatsächlich alle, das fast schon lebendige Ei zu essen – oder wenigstens zu schlucken. Mutprobe bestanden, unsere Guides sind zufrieden.

Ein letztes Mal steigen wir auf den Rücksitz der Mopeds. Noch immer sind es knapp 34 Grad. Der Fahrtwind bringt nur unwesentlich Abkühlung, das Tourfinale schon. Kem, Eiscreme, ist eine der liebsten Süßspeisen der Vietnamesen. Lâm und Binh führen uns in ein zweistöckiges und noch dazu gut klimatisiertes Eisparadies. Charlotte kann nicht mehr, wir anderen schlagen noch mal richtig zu: Drachenfrucht, Jackfruit, Mangosteen und ja, auch Durian. Dazu frische Litschi, Kokosnussparfait und Eiskaffee.

Als die Teller leer sind, sinken wir zufrieden in uns zusammen. Habt ihr schon gegessen?: Auch wenn die Frage hier üblich ist, würde sie uns heute wohl niemand mehr stellen. Man sieht es uns an.