Verloren im Olivenhain. Eine Sonne, die nicht brennt, sondern beißt, macht gemeinsame Sache mit kratzendem Gestrüpp und einem Rucksack, der mit jedem Schritt schwerer zu werden scheint. Kurz vor der Kapitulation lugt ganz weit hinten eine kleine Kuppel über die Bäume hinweg, als würde sie nach jemandem Ausschau halten. Na endlich! Die plötzliche Euphorie aber prallt abrupt an einem riesigen Vorhängeschloss ab. Das Verschlossene-Tür-Syndrom gehört zu griechischen Kirchen wie der Sirtaki zu Alexis Sorbas. Doch irgendwer hat immer den Schlüssel. Die Tavernenbesitzerin im nächsten Dorf, der lokale Priester oder die eine alte Frau, die hier als einzige noch betet. 

Um sie zu finden, ist nur eines genauso hilfreich wie gute Griechischkenntnisse – die Pantomime für das Aufschließen von Türen. Die ist universell, und wenn man auf dem Dorfplatz unsichtbare Schlüssel in Luftschlösser steckt, umdreht und imaginierte Klinken hinunterdrückt, fragen Dimitris, Christos und Eleni sich zwar, warum ein Nicht-Grieche in ihren kleinen und abgelegenen Ort kommt und ausgerechnet eine der Kirchen sehen will, die höchstens einmal im Jahr – am Festtag des Namenspatrons – geöffnet wird, aber den Schlüsselbesitzer treiben sie dann doch für einen auf.

Drinnen ist es staubig und still. Nur durch die geöffnete Tür fällt Licht hinein. Unter einer vom Ruß der tausendfach abgebrannten Kerzen tiefschwarz gefärbten Decke dämmern morsche Ikonastasen vor sich hin. Neben spinnwebverhangenen Kerzenleuchtern zerbröseln getrocknete Blumen. Limonadenflaschen mit Lampenöl, Schachteln mit kleinen Weihrauchbrocken und Kehrbesen lagern in einer Ecke. Das ist die gute Stube des griechischen Glaubens. Kein Ort für Massenevents, sondern für intime Zwiesprache mit Gott.

Wandgemälde in der Apsis der Kirche Heiliger Petrus © Thomas Schneider

Vor allem die Mani, ein Landstrich im Süden der Peloponnes, ist besonders reich an solchen Kirchen. Es gibt dort mehr als 1.000 davon, denn obwohl das Christentum sich in dieser Region erst im 9. Jahrhundert durchsetze, holten die maniotischen Kirchenbauer ihren Rückstand schnell auf. Allein in den Dörfern Exohori, Platsa und Kastania finden sich rund hundert, über die Gassen und Felder verstreut, als seien sie aus einem göttlichen Würfelbecher gepurzelt. Neben einigen sofort ins Auge fallenden, aber langweiligen Neubauten sind darunter auch eine große Menge mittelbyzantinischer Kreuzkuppelkirchen und noch mehr Gotteshäuschen von der Größe einer Gartenlaube. Von außen sind sie oft nur an der Apsis zu erkennen, die als Buckel in der hinteren Mauer hervortritt.

"Blumen der Steine" hat der Dichter Kyriakos Kassis die Mani-Kirchen genannt, und auf einer Reise durch diese Gegend kann man zum Blumen-Sammler werden, weil der Besuch von nur zwei oder drei dieser Kirchen niemals ausreicht. Einmal angefangen muss man sich so viele wie möglich ansehen. Keine Kirche gleicht der anderen, aber all diese äußerlich oft schlichten Kästen sind innen über und über mit Bildern geschmückt: rissig und zerschunden blickt Christus, der Pantokrator, von einem verwitterten Fresko unter der Kuppel herab. Es sind die klassischen Szenen aus seinem Leben, die an den Wänden ringsum gezeigt werden wie eine Fortsetzungsgeschichte auf Comicstrips: Geburt, Taufe, die Erweckung von Lazarus, der Einzug in Jerusalem, die Stationen des Leidensweges, Auferstehung und die Entsendung des Heiligen Geistes an Pfingsten. Überall umringen Jungfrauen, Propheten, Märtyrer und Mönche den Kirchenbesucher, allein oder als himmlische Heerscharen, die sich so dicht zusammendrängen, dass ihre Heiligenscheine aneinanderstoßen.