Das traurige Passbild

Das Bild in meinem Reisepass ist schlimm. Ich habe verquollene Augen, bin sehr blass und schaue so traurig in die Kamera, als hätte man mich auf einer Beerdigung eingesammelt und in einen Fotoautomaten gezerrt. Wenn man genau hinsieht, kann man auf der rechten Wange eine Träne erkennen.

Ich habe dieses Bild und diesen Pass seit 2010. Im dem Frühjahr hatte mir mein Freund eine Überraschungsreise geschenkt. Ich liebe Überraschungen. Am Zielort sollte es warm sein. Mehr wusste ich nicht, bis wir am Flughafen in Berlin Tegel ankamen und an einem Schalter nach Casablanca eincheckten. Ich hüpfte fröhlich von einem Bein auf das andere, bevor ich meinen roten Koffer auf das Gepäckband stellte.

"Ihre Ausweise bitte" sagte die Dame der Airline und lächelte. Sie studierte zuerst den Pass meines Freundes, nickte zustimmend, dann nahm sie meinen. "Oh" sagte sie und runzelte die Stirn. "Ihr Pass ist seit einem Jahr abgelaufen. So können wir sie leider nicht mitnehmen."

Ein Jahr ist eine lange Zeit. Ich war in dem Jahr mehrmals nach Frankreich geflogen. Weder hier noch dort hatte mich in diesen zwölf Monaten jemand darauf hingewiesen, dass mein Pass ungültig war. Ich war fassungslos.

An das was danach passierte, kann ich mich nur schemenhaft erinnern. Ich war vor allem damit beschäftigt zu heulen. Wir diskutierten mit der Flugbegleiterin und der Polizei am Flughafen, bettelten, aber ohne gültigen Reisepass durfte ich nicht nach Marokko einreisen. Wir mussten den Flug umbuchen und ich musste mir einen vorläufigen Reisepass besorgen. Wir fuhren zum Bürgeramt nach Kreuzberg. Am U-Bahnhof setzte ich mich schluchzend in den Fotoautomaten für ein neues biometrisches Passbild. Am Nachmittag hatte ich meinem vorläufigen Pass.

Am nächsten Tag sind wir tatsächlich in Casablanca angekommen. Mit sechs Stunden Verspätung. Unser Gepäck ging verloren und traf erst drei Tage später im Hotel ein. Am fünften Tag gingen wir am Strand reiten. Mein Freund fiel vom Pferd und verrenkte sich den Rücken. Am sechsten Tag hatten wir eine Lebensmittelvergiftung. Den Rückflug verbrachten wir abwechselnd auf der Flugzeugtoilette. Seitdem glaube ich an Karma. – Carolin Würfel

Komplett verwanzt

Montréal im Sommer. Was für ein vibrierender Ort! Gut, das Hostel wirkt ein wenig heruntergekommen, aber was soll’s. Ich bin jung, im Urlaub, voller Energie. Also erst mal raus. Als ich spätnachts in mein Stockbett krieche, bin ich völlig erschöpft. Ich kann trotzdem nicht einschlafen, weil es plötzlich überall juckt. Nur höre ich die Moskitos gar nicht. Am nächsten Morgen dann der Schock: Meine Haut ist ein rot gepunktetes Schlachtfeld, vor allem meine linke Seite, Beine, Arme – und irgendwie kriege ich das linke Auge nicht auf. Der Anblick im Spiegel gibt mir den Rest: Das Lid ist komplett angeschwollen, das Auge kaum noch zu sehen. "Das sind keine Moskitos", sagt meine mir bis dato unbekannte Zimmernachbarin fachmännisch, "schau dir mal die akkuraten Straßen an, die die gestochen haben. Das sind Bettwanzen." Die Rezeptionistin winkt ab: "Kann nicht sein, wir hatten gerade erst den Kammerjäger da." Die Ärztin in der Notaufnahme verschreibt mir ein Antibiotikum. Ich sehe zwar immer noch aus wie ein Boxer nach verlorenem Kampf, aber ich kann wieder sehen. Den Nachmittag verbringe im Waschsalon, um mich mittels Kochwäschen der Bettwanzen zu entledigen. Meinen Rucksack nebele ich mit einem speziellen Spray aus der Apotheke ein. Ich höre gar nicht mehr auf zu sprühen. Ich will nach Hause, ich will Sterilität, ich will mein Auge zurück! Aber es dauert Tage, bis ich wieder normal aussehe. Auf allen Fotos der Reise trage ich Sonnenbrille. Zehn Jahre ist das jetzt her. Mein Rucksack riecht bis heute nach dem herben Bettwanzenspray. – Lisa Caspari

Kreuzfahrt der Angst

Mit einem Schulfreund, dessen Eltern aus der Nähe von Bangalore stammen, besuchte ich Indien. In Panaji, der Hauptstadt des Bundesstaates Goa buchten wir eine mehrstündige Flusskreuzfahrt. Man hatte uns versprochen, dass es lustig werden würde. Und das wurde es. Anfangs glitt unser Schiff beinahe elegisch an den verwitterten Kolonialbauten der Portugiesen vorbei, die hier einst herrschten. Nachdem es dunkel geworden war, gingen an Deck Tausende bunte Glühbirnen an, erst jetzt fielen mir all die Stuhlreihen auf und die Bühne davor. Innerhalb von Sekunden waren die Plätze belegt, das Bühnenprogramm begann: Tänzer und Tänzerinnen in Saris choreografierten zu überdreht lauter Musik. Es war wie im Bollywood-Film. Kurz darauf trat ein Moderator mit Samthosen auf, der alle unverheirateten Männer auf die Bühne rief. Tanzen sollten sie und das taten sie, warfen alle Gliedmaßen in alle Richtungen, drehten voll auf, als seien sie ganz allein mit sich in einem spiegellosen Raum. Dann waren die unverheirateten Frauen dran, dann die verheirateten Paare, dann kamen deren Kinder dazu.

Ich saß da und genoß das jetzt vollkommen unchoreografierte, dabei aber höchst selbstbewusste Bühnenprogramm. Bis, ja, bis mein Freund sagte (eigentlich musste er schreien): Gleich rufen sie die Touristen auf die Bühne. Ich erstarrte. Schlagartig wurde ich mir meines Deutschseins bewusst, meines Unwillens zum nüchternen Tanz, meiner Verstocktheit, die es mir im Wortsinn unmöglich machte, mich derart geschmeidig zu bewegen, wie die da oben. Ich imaginierte die Blicke 400 ekstatisch klatschender Inder, die auf mich und die drei anderen Weißen an Bord gerichtet sein würden und entschied mich zur Flucht. Ich rannte zu den Toiletten im Schiffsrumpf, schloss die Tür hinter mir, schloss ab, versuchte meinen Atem zu beruhigen. Ich drückte mein Ohr an die Tür, konnte die gedämpften Ansagen des Moderators aber nicht verstehen. In dieser Postion verbrachte ich den Rest dieser allzu lustigen Flusskreuzfahrt. – Alexander Krex