1. Tag

Die Hauptstadt der Niederlande ächzt unter der Last ihrer Beliebtheit. Wie andernorts auch werden die nie versiegenden Ströme neugieriger Tou­risten langsam zum Problem – in Amsterdam ist es besonders gravierend, da die Stadt mit ihren gut 850.000 Einwohnern im Vergleich zu Metropolen wie Barcelona oder Berlin geradezu ein Dorf ist. Die Stadtregierung versucht gegenzusteuern, indem sie etwa den Airbnb-Exzessen den Kampf ansagt. Soll man Amsterdam also meiden? Natürlich nicht. Wer statt zum feucht-lärmenden Junggesellenabschied aus Freude an den zahlreichen Kulturschätzen und der lockeren Lebensart der ­Holländer anreist, ist herzlich willkommen.

Wir beginnen den Tag daher mit Amsterdams kulturellem Aushängeschild, dem wunderbaren, vor fünf Jahren umfassend renovierten Rijksmuseum. Typisch Holland führt mitten durch den historistischen Backsteinpalast eine Fahrradautobahn. Wenn man es geschafft hat, sie heil zu kreuzen, gelangt man in die lichte Eingangshalle des ältesten Museums der Stadt. Die Sammlung, die vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert, vom maritimen Gerät bis zum Delfter Porzellan reicht, erzählt davon, dass die Niederlande einst eine Seemacht von Weltrang und ein Hotspot der Malerei waren. In der Ehrengalerie im zweiten Stock kann man die Meisterwerke des Goldenen Zeitalters bewundern, Jan Vermeers zarte "Briefleserin in Blau" ist darunter, "Der fröhliche Zecher" von Frans Hals oder Rembrandts monumentale "Nachtwache".

Man könnte einen ganzen Tag im Rijksmuseum verbringen, doch wir möchten noch zwei weitere Häuser auf dem Museumplein besuchen. Hollands berühmtester Künstler hat sein eigenes Museum, wo man neben vielen Meisterwerken Vincent van Goghs auch die Briefe des einsamen Exzentrikers studieren kann. In Sonderausstellungen werden zudem regelmäßig einzelne Aspekte seiner Kunst hervorgehoben, ab 23. März steht der Einfluss Japans im Fokus.

Es ist Zeit für eine ausgiebige Mittagspause, die wir im Restaurant Rijks verbringen, das mit seiner gehobenen niederländischen Küche weit mehr zu bieten hat als ein klassisches Museumscafé.

Unsere dritte und letzte Station am Museumplein ist das Stedelijk Museum. Das angesehene Haus für moderne und zeitgenössische Kunst wurde im vergangenen Jahr durch einen Skandal erschüttert, die Direktorin Beatrix Ruf musste wegen umfangreicher Nebengeschäfte ihren Hut nehmen. Auch die aktuelle Ausstellung "Jump into the Future" zur Kunst der 1990er- und 2000er-Jahre ist von dem Skandal berührt, denn sie basiert auf einer von Ruf eingestielten, umstrittenen Schenkung des deutschen Sammlers Thomas Borgmann. Bis 4. März können sich Besucher selbst ein Bild davon machen. Ganz unabhängig von den gegenwärtigen Irritationen wartet das Haus mit zahlreichen Highlights der klassischen Moderne oder der De-Stijl-Bewegung auf.

Dieser Text stammt aus Weltkunst Nummer 139 © Weltkunst Verlag

Nach so viel geballter Kunsterfahrung befreien wir ein wenig die Sinne im nahe gelegenen Vondelpark, wo wir den Blick über die belebten grünen Wiesen schweifen lassen und dem notorischen Tschirpen der dort ansässigen Halsbandsittiche lauschen. Von dort aus geht es in einem knapp halbstündigen, gemächlichen Spaziergang in die Innenstadt, wir überqueren die ersten Grachten und besuchen das Huis Marseille. Hinter der – wie oft in Amsterdam – eher schlichten Fassade in der Keizersgracht verbirgt sich ein opulenter Kaufmannspalast des 17. Jahrhunderts, der heute das Fotografiemuseum beherbergt. Noch bis 4. März sind hier unter anderem die schaurig-schönen Bilder von Pjöngjang zu sehen, die der Niederländer Eddo Hartmann in den vergangenen vier Jahren in dem abgeschotteten Land aufnehmen konnte.

Nur eine Ecke weiter, in der Prinsengracht, liegt das Hotel Andaz Amsterdam mit seinem Restaurant Bluespoon. Um­geben von Marcel Wanders’ angenehm extravagantem Interiordesign genießen wir hier bei Seebarsch und knusprigem Tapioka den Abend.