Die Farbe des Meeres vor Ouessant ist die erste Herausforderung. Hier, gut 20 Kilometer vor der westfranzösischen Küste, gewinnt die Landschaft plötzlich an Tiefe, Kontur und Sattheit. Im Hafen von Le Conquet, von wo aus wir in die Fähre Le Fromveur 2 gestiegen waren, hatte uns noch die betonierte Üblichkeit eines Sommerortes im Winterschlaf erwartet. Verriegelte Häuser, leergeräumte Terrassen und, endlich mal, zu viele Parkplätze für zu wenige Autos. Aber jetzt, Minuten bevor wir auf der knapp 16 Quadratkilometer großen Insel anlegen, wirkt es, als sei ein Instagram-Filter vors Auge geschoben worden. Alles glänzt. Ist das Meer nun türkisfarben? Mattblau? Oder doch mit einem Stich ins Pastellgrüne? Und wie ließe sich dieser gleißend-kalte Schimmer auf den Wellen in Worte fassen?

Schließlich kommen wir wegen genau diesen Fragen nach Ouessant. Anlässlich des fünften Todestages des luxemburgischen Autors Jean Krier wollen wir seine Insel erkunden. Der 1949 geborene Lyriker hat über Jahrzehnte hinweg viele Reisen in die Bretagne unternommen, insbesondere zur Île d’Ouessant, über die er zahlreiche Gedichte geschrieben hat. Seine Bände sind eingepackt, seine Verse schwirren durch den Kopf. Wie sieht ein Schriftsteller diese Insel? Welche Worte findet er für diese insulare Kargheit, hinausgeschleudert ins keltische Meer?

Im kleinen Hafen der Baie de Stiff legt die Fähre an. An den Kaimauern prangern Graffiti und erinnern an die Präsidentschaftswahlen vom vergangenen Jahr: "Votez François Fillon" für die Konservativen, "Fillon dehors" für den Rest. Nein, une évasion, wie es so oft in französischen Reisekatalogen heißt, ein Entfliehen und Wegkommen ist auch hier, am vermeintlichen Ende der Welt, nicht zu haben. Auf dem Gelände des Hafens warten zwei, drei private Taxen, die die wenigen Touristen, die sich in der Nebensaison nach Ouessant verirren, gegen wenig Geld über die sonst autofreie Insel fahren. Zu diesen Anbietern zählt auch das Kleinst-Reiseunternehmen Eusa Découverte.

Hier will ich bleiben

Eusa sei der bretonische Name für die Insel, die, erklärt uns der Fahrer, weniger als 800 Einwohner zähle, während ich im ersten Gedichtband von Jean Krier, Bretonische Inseln, nach dieser einen Passage suche, die dieser Ankunft bei Prachtwetter entspricht. In den frühen Ouessant-Gedichten, die 1994 erschienen und 2006 im Kleinverlag Rimbaud wiederaufgelegt wurden, steckt eine Verve, mit der gemeinhin Fahnen in Böden gerammt werden, um das Terrain für sich zu beanspruchen: "Hier will ich bleiben, / dem Meer / nicht mehr fahren / über die runzlige alte Haut. / Hier bau ich mir / meine Ruine, zieh mir / über die Ohren das Fell, hier / soll alles / bei mir / an die falsche Adresse geraten im Heidekraut / 60m über dem Meer."

Anfang Januar blüht das Heidekraut freilich nicht. Aber 60 Meter bleiben auch im bretonischen Winter 60 Meter, und während der zehnminütigen Fahrt vom Hafen im Osten nach Lampaul im Westen lässt sich die Umgebung aus dieser insularen Erhabenheit begutachten. Sachte Hügel, streunende Schafe, hüfthohe Mauern. Und die Regler für die Farbsättigung müssen von irgendeiner listigen Hand während der Überfahrt hochgesetzt worden sein. Das hüglige Gras ist grün, der Himmel blau, die Wolken weiß. Keine Chance für Nuancen und Finessen – alles ist satt, klar und unnachgiebig.

In Lampaul herrscht dann die Schläfrigkeit eines Dörfchens, das an der äußersten Peripherie irgendeiner Metropole vor sich hindämmert. Bloß: Hier gibt es keine Großstadt, auf die alles zuläuft, hier geht alles meerwärts, hin zu den Klüften und zur Gischt. Vieles ist in direkter Fuß-, ja Stolpernähe: der Zeitungsladen mit einer kleinen, überraschend gut sortierten Bücherecke, die Bäckerei, die Crêperie, die Kirche sowie der Supermarkt. Tatsächlich ist es angebracht, immer die statt eine zu schreiben – es gibt schlichtweg von allem nur eins.