Wir wissen viel zu wenig über China – deshalb befasst sich ZEIT ONLINE in einem Schwerpunkt mit dem Land. Auftakt war ein Porträt über Chinas Staatspräsidenten Xi Jinping

Kleine Rechenaufgabe: China ist bereits jetzt Reiseweltmeister, vor US-Amerikanerinnen und Amerikanern und Deutschen. Dabei hat bislang nur ein Bruchteil der Chinesinnen und Chinesen einen Reisepass. Wenn in Zukunft noch mehr von ihnen sich aufmachen – was ist das Ergebnis?

Doris Fischer, die an der Universität Würzburg den Lehrstuhl China Business und Economics innehat, sagt: "Wenn die Chinesen anfangen, Schokolade zu essen, dann steigen die Kakaopreise" – einfach wegen der Größe der chinesischen Bevölkerung. 2017 bestand sie aus knapp 1,39 Milliarden Menschen. Das ist ungefähr die Summe der Einwohnerzahlen ganz Europas, der USA, Brasiliens und Russlands zusammen. Und wenn es in China vermehrt zum guten Leben gehört, die Welt zu bereisen, dann habe das natürlich ebenfalls Auswirkungen.

Seit 2004, als Freizeitreisen nach Europa möglich wurden, ist die Zahl chinesischer Touristen rasant und kontinuierlich gewachsen. Nach einer ersten Welle von Gruppenreisenden kommen nun auch immer mehr jüngere Individualreisende, die "das authentische Deutschland erleben wollen", wie Doris Fischer sagt. "Sie mieten sich in Frankfurt ein Auto, um selber auf einer deutschen Autobahn fahren zu können." Und dass es in Zukunft noch erheblich mehr Freizeitreisende aus China geben wird, besagt nicht nur eine Prognose.

Die Frage ist: Was bedeutet diese Entwicklung für die Tourismusindustrie, für Reiseorte und für andere Reisende?

"Rein quantitativ heißt das: Die ganze Welt läuft dem chinesischen Markt hinterher", sagt der Sinologe Wolfgang Georg Arlt, der das COTRI gegründet hat, ein Institut für China-Outbound-Tourismus-Forschung. Für viele Tourismusanbieter könnten sich also die Prioritäten verschieben.

Arlt sagt, in China habe man eher sieben bis zehn Tage Zeit für Freizeitreisen statt fünf bis sechs Wochen pro Jahr. "In der Zeit wollen die Leute dann so viel wie möglich erleben. Wer eine Langstreckenreise macht, macht keinen Urlaub, sondern will herumfahren und sechs, sieben Erlebnisse in einen Tag packen." Was das bedeute, könne man in Urlaubsländern wie Tunesien oder auf Mauritius sehen. Die europäischen Flitterwöchner kämen für eine Woche an den Strand, die chinesischen dagegen nur für zwei Nächte, sie buchten aber von Paragliding bis zur Wüstentour alles, was im Angebot sei. Für Reiseanbieter sei das wirtschaftlich interessanter. "Das ist eine große Veränderung."

Auch die Europäer werden es merken

Diese Veränderung betrifft indirekt auch Touristen aus Europa und den USA, die bislang an vielen Orten der Welt die beliebtesten Reisenden waren. "Die Zeiten, in denen die Westler die beliebtesten Kunden waren, gehen dem Ende entgegen", sagt Arlt. Nach einem Beispiel gefragt, erzählt er unter anderem von einem angesagten Juwelier in São Paulo. Dort, sagt er, gebe es fünf Verkaufsstellen für chinesischsprachige Reisende – und eine für den Rest. Das ist nur ein kleines Beispiel, aber dahinter steht ein Trend.

Wer sich in China große Reisen leisten kann, ist eher wohlhabend – und dreht dann auch nicht jeden Cent um. Das ist der Ruf, der chinesischen Reisenden vorauseilt. Der Handelsverband Bayern etwa hat 2017 ermittelt, dass ein chinesischer München-Tourist pro Tag im Schnitt in vier Geschäften insgesamt 513 Euro ausgibt – 150 Euro mehr noch als arabische Besucher.  Dass sich viele Städte, Regionen und Tourismusanbieter also auf chinesische Reisende einzustellen gedenken, liegt auf der Hand.

Und weil der größte Markt auch Trends setzt, sind Konsequenzen für andere Touristen absehbar. Die Bezahlweise etwa. Bezahlen mit Bargeld könne man in China fast vergessen, sagt Arlt. Viele Reisende aus China buchten alles online und bezahlten am liebsten mit dem Smartphone. Der nächste Schritt könnte Gesichtserkennung sein: Man buche vorab sein Ticket, zum Beispiel für ein Museum, und wer von einer Kamera am Eingang als Eintrittskartenbesitzer erkannt werde, könne einfach reinlaufen, statt sich in die Schlange zu stellen. Eine solche Entwicklung aus dem innovationsfreudigen China könnte langfristig  dazu führen, dass sie Standard für alle wird.

Für manchen klingt das bedrohlich. Von einer Verdrängung ist bisweilen die Rede, von noch mehr Touristen überall. Und dann auch noch ausgerechnet von welchen, die bisweilen lauter sein sollen als die braven deutschen Badeliegenhausmeister.