Während sich die Altstadt von Nazareth den Schlaf aus den Augen reibt, arabi­sche Händler Granatäpfel stapeln und die ersten Falafel ins heiße Öl tauchen, warten vor der Verkündigungsbasilika schon die Pilgergruppen. Die größte Kirche im Nahen Osten steht da, wo der Erzengel Gabriel einst Maria die unerwartete Schwangerschaft verkündet haben soll. Im Reisebus hat man das Heilige Land schnell erfasst. Klick, klick. Alle da? Und weiter geht’s. 

Ich will mehr. Und so finde ich mich an diesem Morgen zwischen den alten osmanischen Mauern des Fauzi Azar Inn wieder. Die Herberge versteckt sich in der letzten Windung des Schneckenhauses, das die Altstadt bildet – und ist Ausgangspunkt eines Abenteuers, das sich hinter einer schlichten Bibelzeile verbirgt: "Er verließ Nazareth, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt." 

Zwischen Jesus’ Heimatstadt und dem Fischerdorf am See Genezareth liegen 65 Kilometer Wanderstrecke. Seit 2007 schlängelt sich hier der Jesus Trail von Hügelkuppe zu Hügelkuppe, von Dorf zu Dorf. Dass es sich keinesfalls um ausgetretene Pfade handelt, wird klar, als mein Gegenüber auf die Karte zeigt und mit dem Lächeln eines Seelsorgers Tipps gibt wie: "Hier musst du über eine Art Schrotthalde hinunterfinden." Kyley hat seine Schauspielkarriere in London auf Eis gelegt, um ein paar Monate lang als freiwilliger Betreuer des Jesus Trail zu arbeiten. Er will seinen Frieden mit dem Glauben ausgerechnet in dem Land machen, in dem sich manche Gläubige aufs Härteste bekämpfen – und ist damit der perfekte Botschafter für das Projekt: Als der Israeli Maoz Inon und der Amerikaner David Landis eine attraktive Wanderstrecke suchten, wollten sie die Vielfalt der Kulturen erlebbar machen, die sich das kleine Land teilen. Mit einem Pfad, der Wanderern den Horizont öffnet – und eine Brücke zwischen den Einheimischen schlägt. 

Über sandsteinfarbene Stufen entlässt mich die Altstadt, und ich folge den Spuren von Jesus’ Ziehvater. Der Freiwillige hatte erklärt: "Nazareth war damals winzig, seiner Arbeit als Zimmermann ist Joseph wohl in Zippori nachgegangen." Damals eine blühende Handelsstadt, heute eine archäologische Stätte, die da unten im Tal zwischen Feldern und Wäldern verborgen sein muss. 

Da die Kaktusfeigen bereits bizarre Schatten werfen und sich die orange-weißen Wegmarkierungen gut verstecken, lasse ich meine GPS-App navigieren. Wie eine Wünschelrute leitet mich das Smartphone hügelabwärts auf einen Feldweg. Im Wettlauf mit der Dämmerung erreiche ich den Zippori-Nationalpark und kann gerade noch einen Blick auf die Mosaike werfen, die den vergangenen Reichtum der Stätte zeigen. 

Dieser Artikel stammt aus "ADAC Reisemagazin" Nr. 163

Das GPS führt mich weiter durch das muslimische Örtchen Maschhad, in dessen Moschee die Gebeine von Jona liegen sollen, der von einem Walfisch verschluckt wurde und überlebte, ins Nachbardorf Kafar Kanna, den vielleicht fröhlichsten Pilgerort der Welt. Hier hat Jesus keine Wunderheilung vollbracht und keine Armen gespeist. Nein, im biblischen Kana ging schlicht der Wein aus. Auf einer Hochzeitsfeier! Also soll Gottes Sohn für Nachschub gesorgt haben. Kein Wunder, dass man sich in Kafar Kanna über Gastfreundschaft definiert – wie das arabisch-christliche Ehepaar Sami und Suad Bellan beweist. Dass die beiden auch nach ihrer goldenen Hochzeit noch so verliebt wirken, liegt sicher auch daran, dass sie von der Terrasse ihres Gästehauses direkt auf die Hochzeitskirche blicken, in der jedes Jahr Tausende Ehepaare ihren Schwur erneuern – und darauf ein Glas Wein trinken. 

Am Frühstückstisch taucht Sami sein Pitabrot erst ins Olivenöl und dann in eine Schale mit wildem Thymian. "Macht schlau", sagt er. Die Bellans haben früher einen Souvenirladen betrieben. Als sie sahen, dass man Wegweiser an die Dorfmauern malte, bauten sie ihr Wohnhaus zur Herberge um. Ihr Sohn sammelt irrende Wanderer ein, und Suad bereitet Picknickkörbe. Manchmal wandert sie selbst. Am liebsten im März, wenn die Hügel aussehen, als hätten Tausende von Brautjungfern Blümchen gestreut.