Sie sind kaum größer als ein Dorf, besitzen nur wenige Straßen, sie zu umrunden dauert maximal eine halbe Stunde – und doch sind sie Städte. Sie haben mitunter weniger als 30 Einwohner, aber dafür kommen Hunderte Touristen am Tag. Ihre Winzigkeit garantiert ihnen Aufmerksamkeit. Gleich drei Orte in Europa vermelden, die kleinste Stadt zu sein: Hum in Kroatien, Durbuy in Belgien, Arnis in Deutschland. Wobei letztere den Titel auf Deutschland beschränkt. Alle drei Ministädte, so zeigt sich bei näherer Betrachtung, sind mega angesagt.

Allen voran Durbuy in den belgischen Ardennen in der Provinz Luxemburg. Ein malerisches Städtchen mit Schloss, engen Gassen, Kopfsteinpflaster und beeindruckender Gastronomieszene. Idyllisch gelegen im Tal, durch das sich der Fluss Ourthe schlängelt. In den warmen Monaten paddeln dort unzählige Kanufahrer dem Sonnenuntergang entgegen. Durbuy ist eine klassische Mittelalterschönheit, die 1331 ihre Stadtrechte erhielt. Damit war das Örtchen zwar plötzlich Stadt, aber es blieb über Jahrhunderte, wie es war.

What you see, is what you get: Durbuy von oben. © Education Images / Getty Images

Der Stadtkern ist mit einer Fläche von wenigen Quadratkilometern klein, es gibt nur eine Hand voll Straßen und kaum ein Dutzend Einwohner. Offiziell ist Durbuy eine Großgemeinde, bestehend aus 15 Orten. "Welcome to the smallest City of the World", promotet dagegen die offizielle Website. Tatsächlich ist die geografische Lage im Tal dafür verantwortlich, dass das historische Durbuy nicht in der Fläche wuchs. Von Touristen wird das Ardennen-Städtchen deshalb geradezu überrannt. Etwa 1,5 Millionen Besucher zählt man offiziell.

Das "Guinness Buch" weiß nichts davon

Nicht ganz so lebhaft geht es in Hum in Westkroatien zu. Doch die kleine Festung auf dem Hügel ist ebenfalls Touristenmagnet, seitdem das Guinness Buch der Rekorde ihr den Titel "kleinste Stadt der Welt" zusprach. Zumindest behaupten das zahlreiche Internetseiten. Eine Nachfrage bei der Pressestelle der Rekordermittler ergibt dagegen, dass es dazu keinen aktuellen Eintrag gibt. Sei's drum, der Mythos lebt weiter und eine Inschrift an einer Hauswand trägt weiter dazu bei: "Hum – Die kleinste Stadt der Welt" steht darauf. Mit einer Fläche von 100 mal 35 Metern ist Hum kleiner als ein Fußballfeld, 2011 ermittelte eine Volkszählung, dass dort nur 30 Menschen dauerhaft zu Hause sind.

Trotz dörflicher Größe gilt auch Hum als Stadt. Gegründet wurde sie im 11. Jahrhundert. Es handelt sich eher um eine kleine Festung auf einem Hügel, mit einer Art Stadttor, Marktplatz und ehrenamtlichem Bürgermeister. Der wird nach alter Tradition gewählt: Bürger hinterlassen ihre Stimme für einen Kandidaten als Kerben auf einem Holzstück. Wer die meisten Kerben vorweisen kann, der bekommt das Ehrenamt für ein Jahr. Geschichten wie diese bringen Hum zusätzliche Aufmerksamkeit. Dabei wirkt das Städtchen erst mal wie ein halbverfallenes Dorf mit einer Hauptstraße und dem Gasthaus Konoba. Auf dessen Terrasse lassen Touristen bei Omelette mit Pilzen und für die Region typischen Mistelschnaps ihren Blick über die grandiose Landschaft des istrischen Hinterlandes schweifen. Videos zeigen, wie sich Tagestouristen durch die engen Gassen drängen und im einzigen Souvenirladen nach Andenken aus dieser Ministadt suchen. "Hum und die Konoba sind leider kein Geheimtipp mehr!", stellt ein Besucher enttäuscht auf einem Reiseportal fest. Es sind einfach zu viele, die einmal durch die kleinste Stadt der Welt geschlendert sein wollen.