Bei der vierten schweren Fuhre kann ich es kaum mehr hören: dieses langsame Flatschen von Kuhmist, der dampfend von der Schubkarre gleitet und sich mit dem bereits vorhandenen, noch viel größeren Haufen vereint. Andererseits muss das der schönste Panorama-Misthaufen der ganzen Welt sein: Hinter dem Stall schweift der Blick über die grünen Sommerhänge, hinaus über die Ahr und das Tal, das diese hier über Jahrtausende geformt hat, bis zum Kronplatz im Süden, während sich erste Sonnenstrahlen mühsam durch die Wolkendecke kämpfen und Spotlights in die Landschaft setzen. Eigentlich, so denk ich mir, kann der Kuhmist noch langsamer vor sich hin flatschen. Und Gerüche sind letztlich allein eine Frage der inneren Balance.

Eine Woche lang helfe ich beim Heumachen aus, am Oberpursteinhof oberhalb von Sand in Taufers im Nordosten Südtirols. Koordiniert werden die Einsätze vom Verein Freiwillige Arbeitseinsätze, der jedes Jahr etwa 2.000 Helfer an Südtiroler Bergbauernhöfe vermittelt. "Das ist eine halbe Armee", meint Obmann Georg Mayr erfreut. Mehr als 300 Hofbesitzer bitten mittlerweile um Unterstützung, und Monika Thaler sorgt im Verein dafür, dass Helfer und Hof zusammenpassen. "Es bringt ja nichts, wenn wir einen Waldarbeiter an einen Hof vermitteln, wo jemand in der Küche benötigt wird, oder eine junge Frau dahin, wo es einen kräftigen Mann braucht."

Weitsicht: Ausblick am frühen Morgen vom Hof der Volggers über das Ahrntal © Jörg Fokuhl / ADAC Reisemagazin

Mich also hat sie für die Familie Volgger auserkoren. An kräftigen Männern fehlt es dort allerdings nicht. Im Flur des Hauses reihen sich rund 50 Pokale aneinander – die meisten davon hat Vater Reinhold beim Ranggeln, einer Art Ringen, gewonnen, ein paar beim Bierkrugstemmen. Die Kraft dazu holt er aus den Muskelbergen rund um seine Oberarme und den Brustkorb. Sohn Hannes steht ebenfalls gut im Saft. Und auch die Töchter Daniela und Katharina packen mit an. Der Oberpursteinhof liegt aber so steil an der Ostseite des Speikbodens, dass die Volggers kaum auf Maschinen setzen können. Beim Heumachen ist deshalb meine Unterstützung gefragt.

Am Morgen hat es geregnet, die Arbeit am nassen Hang ist unmöglich. Zu tun bleibt dennoch genug. Stall ausmisten, Stroh für die Kühe einstreuen, Hühner versorgen, die Zufahrt neu schottern. Katzen aller Größen schlürfen genüsslich ihren Anteil der morgendlichen Milchausbeute, Hund Josy zerfieselt stoisch einen Knochen. Bauer Reinhold sagt an, befehlen würde er nie etwas. Behutsam versucht er, einen Mittelweg zu finden zwischen Hofidyll und Arbeit. Romantisch verklärter Urlaub auf dem Bauernhof soll der Freiwilligeneinsatz genauso wenig sein wie unbezahlte Dauerschufterei. "Die Bauern müssen sich auf Fremde einstellen, die in ihr Privatleben eintreten", sagt Monika Thaler. Das sei ihnen hoch anzurechnen. Auf der anderen Seite bekämen sie Hilfe. "Die Freiwilligen nehmen viel mit: dass man einfach leben und glücklich sein kann, die harte Arbeit, das Schwitzen, das Dankeschön."

Zugkraft: Bergbauer Reinhold Volgger beim Melken © Jörg Fokuhl / ADAC Reisemagazin

Die 14 Kühe stört das schlechte Wetter wenig. "Großbetriebe wollen Kühe, die morgens und abends am besten 25 Liter Milch geben, die schmeißen ihre Tiere mit vier, fünf Jahren raus. Da hat die Kuh kein Leben. Wir haben Milchkühe, die neun oder zehn Jahre alt sind", sagt Katharina, während sie die Tiere den steilen Hang hinab von der Weide zurück in den Stall treibt. Insgesamt kommt Reinhold auf etwa 230 Liter Milch pro Tag. Die wuchtet er morgens in seinen weißen Transportbus und bringt sie nach Sand in Taufers – mit der Milch, die er zuvor von anderen Höfen aus der Umgebung eingesammelt hat. Im Tal holt sie der Tanklaster der Molkerei, binnen Sekunden ist der Tagesertrag durch den Schlauch in den Kühlanhänger gesaugt. Da ist er, der Kontrast zwischen Bergbauernleben und Industrie. Der Unterschied zeigt sich auch bei der Heuernte. Was im Tal Maschinen erledigen, ist am Berg Handarbeit. Das einzige Hilfsmittel: ein Holzrechen mit einem möglichst langen Stiel. "Damit die Arbeit immer schön weit weg ist", sagt Reinhold, als er lachend das Arbeitsgerät an seine beiden Töchter und mich austeilt.

Dieser Artikel stammt aus "ADAC Reisemagazin" Nr. 164, "Südtirol".

Den Hang hat Hannes schon gemäht, jetzt muss das Heu zusammengetragen werden. Zu viert am Hang versetzt, recht jeder seinen zehn, zwanzig Meter breiten Abschnitt von oben nach unten bis zum nächsten Fahrweg, der den Hang alle paar Hundert Meter unterbricht. Ich brauche den Rechen auch, um nicht vom Berg zu purzeln. Die Volggers bewegen sich dagegen so sicher durchs Gelände wie andere durch ihren Vorgarten. Als folgten sie einer geheimen Choreografie, räumen sie die Wiese ab. Mit jedem Meter wird der Haufen üppiger. Unten auf dem Weg fährt Reinhold die zusammengetragenen Haufen mit dem Heulader ab. Wenig später ist der Ertrag des Hangs in nur einer Fuhre verstaut. "Wenn ich 15 Jahre zurückdenke, da habe ich das alles noch auf den Schultern zurückgetragen", sagt Reinhold. Trotzdem ist das Heu noch immer ein hohes Gut, verschwendet wird nichts.

So geht es die nächsten Tage Hang für Hang weiter: Was Hannes zuvor gemäht hat, rechen wir zusammen, und Reinhold fährt es zum Hof. Manche Wiesen sind aber selbst für die erfahrenen Maschinenlenker zu steil. Einige Ecken kann weder Hannes mit seiner Hightech-Mähmaschine noch Vater Reinhold mit dem älteren, aber etwas handlicheren Modell erreichen. Dann muss, wie vor 100 Jahren, die Sense her. Ein Knochenjob. Die Füße schmerzen, Arme und Oberschenkel werden schwer, die Schwielen an den Händen immer größer. Der Blick folgt immer mal wieder einem Stein, der den Hang hinunterrollt, oder fällt auf den Moosstock gegenüber und auf die Zillertaler Alpen mit dem schneebefleckten Schwarzenstein im Norden. Das lindert den Schmerz ein wenig.