Boateng geht brav am Strick, Shaqiri trottet folgsam hinterher, selbst Buffon tanzt nicht aus der Reihe. Und das, obwohl sie ordentlich zu schleppen haben – rund 20 Kilo trägt jeder von ihnen auf dem Rücken. Doch anders als so manche ihrer Namensgeber kennen die Lamahengste keine Allüren. "Sie sind klassische Herdentiere", erklärt Walter Mair. "Wenn eines geht, gehen alle. Wenn eines stehen bleibt, bleiben alle stehen." Noch aber laufen sie. Neun Lamas und ein Alpaka hat Walter mitgebracht zu dieser Tour durch die Sextner Dolomiten. Zehn von knapp 200 Tieren, die er an der Seite seiner Frau auf einem Hof oberhalb von Bozen hält. Die Zucht ist sein Hauptgeschäft, das Trekking durch die Südtiroler Bergwelt bietet er nebenbei an. Jedes Mal ist ein anderer Gipfel das Ziel. Dabei geht es ihm nicht nur um die Alpinerfahrung, sondern vor allem auch um einen Erkenntnisgewinn. Walter will den Teilnehmern die Tiere und ihren Charakter näherbringen. Zunächst aber gilt es, mit einem Vorurteil aufzuräumen. Dass es noch immer in vielen Köpfen existiert, hat sich schon einige Stunden zuvor gezeigt, beim Satteln der Tiere auf einem Parkplatz zwischen Sexten und Innichen. Neugierige haben sich um die Gruppe geschart. Die Lamas sind noch keine fünf Minuten aus dem Hänger, da kommt sie schon, die berühmte Frage, die nahezu immer gestellt wird. Die Antwort: Ja, sie können spucken. Aber sie tun es nicht einfach so. Nur wenn die Lamas verärgert sind oder sich bedrängt fühlen. Das kann bei einer Wanderung etwa dann geschehen, wenn ein Tier seinem Vordermann zu dicht auf die Pelle rückt. "Es ist wie im Straßenverkehr", sagt Walter, "wer auffährt, ist schuld."

Der erste Nachmittag verläuft komplett unfallfrei. Durch das Innerfeldtal führt der Weg sanft ansteigend über schattige Lärchenwiesen. Sie sind ein typischer Bestandteil der Südtiroler Kulturlandschaft, halb Wald, halb Weide. Die Lamas nutzen die Artenvielfalt am Wegesrand für die ein oder andere Snackpause. Die zweibeinigen Teilnehmer, zwei Deutsche und acht Italiener, lassen sich währenddessen von Walter die Pflanzenwelt erklären. Wer hätte gedacht, dass die rosaroten Blüten des Wiesenklees leicht buttrig schmecken und zugleich cholesterinsenkend wirken?

Am Tagesziel, der Dreischusterhütte, darf der Cholesterinspiegel wieder in die Höhe schnellen: Zum Abendessen kommen Schlutzkrapfen, Käse und Speck auf den Tisch, Südtiroler Rotwein und auch das ein oder andere Stamperl Marillenschnaps. Allesamt Spezialitäten der Region, die Ernährungswissenschaftler verstören, Wanderer aber glücklich machen. Die Lamas widmen sich derweil gesünderen Genüssen und laben sich an allem, was die Wiesen um die Hütte so hergeben.

Hochgenuss: Rast an der Langalm. Die Lamas erfreuen sich an den saftigen Blumenwiesen © Quirin Leppert / ADAC Reisemagazin

Dass die Kraftvorräte gebraucht werden, zeigt sich am folgenden Tag. Vom Innerfeldtal führt der Weg steil hinauf zum Gwengalpenjoch. Knapp 1000 Höhenmeter liegen allein in diesem Abschnitt vor den Teilnehmern. Zum Glück befördern die Lamas den Großteil des Gepäcks, bis zu 20 Kilogramm kann jedes der Tiere in seinen Satteltaschen tragen. Antonia, Grafikerin aus Murnau, will sich erkenntlich zeigen: "Wie belohnt man eigentlich ein Lama, Walter?" Die Antwort des Züchters fällt lakonisch aus: "Freundlich lächeln und gut zureden. Wie bei einem Mann."

Dieser Artikel stammt aus dem "ADAC Reisemagazin" Nr. 164, "Südtirol".

Seine Leidenschaft für die sanftmütigen Nutztiere aus den Anden entdeckte der 53-Jährige eher zufällig. Anfang der Neunzigerjahre begann der gelernte Schreiner zunächst, Araberhengste zu züchten. Bei einem Besuch in Bayern sah er auf einer Weide Lamas grasen. "Da hab ich die Besitzerin gefragt, was sie mit den komischen Tieren da macht", erinnert sich Walter mit einem breiten Grinsen. Heute, 22 Jahre später, sind die komischen Tiere sein Lebensinhalt. Gemeinsam mit seiner Frau betreibt er die älteste und größte Lamazucht Italiens, die Fohlen verkauft er in ganz Europa. Selbst aus Pakistan hat ihn zuletzt eine Anfrage erreicht.

Auf halber Strecke zum Joch ist es Zeit für eine Brettljause. Hausgemachter Speck, Kaminwurzen und Bergkäse, selbst gebackenes Brennnessel- und Rote-Bete-Brot, Äpfel, Tomaten und wieder Rotwein – Walter zieht alle kulinarischen Register. Während die Teilnehmer der Tour einträchtig kauend neben ihren tierischen Gefährten im Gras sitzen, erzählt er von den Zuchtshows, auf denen seine Lamas und Alpakas regelmäßig Preise einheimsen. Weil er selbst immer wieder als Richter in Jurys berufen wird, weiß er, worauf es beim idealen Lama ankommt: "Man bewertet unter anderem die Proportionen. Hat das Tier gerade Beine? Hat es einen stolzen Gang, eine gesunde Zahnstellung? Wie sieht es mit der Bewollung aus?" Prompt schweifen kritische Blicke über die grasenden Tiere. Valentino, ein junger Bankangestellter, bricht das Schweigen: "Ich habe keine Ahnung, ob mein Lama diesen Kriterien genügt – ich finde es einfach nur süß."