Wenn die Männer aus Kisiwandui, dem Viertel am Rand von Stone Town, vormittags zur Moschee gehen, dann gehen die Frauen zu dem weißen Haus gleich daneben. Sie drücken auf den gelben Knopf rechts neben der Tür mit den eisernen Dornen und sofort fängt ein Vogel im ersten Stock an zu kreischen. Alle anderen Klingeln hätten versagt, entschuldigt sich Mariam Hamdani mit einem Lächeln, nur diese mit dem mechanischen Zwitschern hätte gehalten. Dies ist Mariams Haus und sie braucht diese Klingel unbedingt. Sie hört gar nicht mehr auf zu summen. Heute ist Probe. 

Die Frauen schauen kurz in die Stube, begrüßen Mariam herzlich, und steigen dann ein Stockwerk höher. Mariam stimmt noch schnell mit dem Smartphone ihr Kanun, eine orientalische Zither mit mehr als fünfzig Saiten, und klettert dann selbst nach oben, wo ihr Tausi Women's Taarab Orchestra bereits in einem Halbkreis sitzt: ein Dutzend Frauen, ihre Haare versteckt unter blauen, roten und purpurnen Tüchern, ihre Körper hinter Violinen, Trommeln und Akkordeons, stimmt sich hier unter dem Dach ein. "Spielen wir ein Lied über Frauen in Afrika", sagt Mariam und legt los.

Je länger die Lieder bei der Probe dauern, desto schneller werden sie. Die Melodien erinnern an Arabien oder Indien, aber die Rhythmen der Trommeln klingen afrikanisch. Eine nach der anderen stehen die Frauen von ihren Stühlen auf, legen ihr Instrument ab, und singen ein Solo, während die anderen im Chor einstimmen. Gemeinsam spinnen die Frauen ein Gewebe aus Klangfarben, das so bunt ist wie die Gewänder, die sie an diesem Vormittag tragen – und wenn sie die Musik richtig packt, schließen einige für einen Moment die Augen und genießen einfach nur.  

Am Höhepunkt eines der letzten Lieder, das wie ein gemächliches orientalisches Volkslied beginnt und dann an Fahrt aufnimmt, schreit eine Frau, deren geblümtes Kopftuch sich während ihres warmen Gesangs mehrmals beinahe löst, mit geballten Fäusten all die Ungerechtigkeiten gegen die Decke, die hier in Sansibar passieren. Die vielen Drogen. Der Missbrauch von Kindern. Und vor allem die Gewalt gegenüber Frauen. "Tunalaani!", antwortetet das Orchester auf jedes Verbrechen im Chor. Wir verurteilen es.

Mariam hat das Lied selbst geschrieben. Mit den Fesseln, die Frauen im konservativen Sansibar, wo mehr als 99 Prozent der Einwohner Muslime sind, täglich angelegt werden, kennt die 74-Jährige sich aus. Schließlich hat Mariam viele selbst aufbrechen müssen, als sie das Tausi Women's Taarab Orchestra gründete: das erste Frauenensemble hier auf der Insel vor der Ostküste Tansanias. Tausi ist Swahili und bedeutet Pfau, wie die bunten Federn, die Mädchen als Lesezeichen in den Koran legen. Taarab ist Arabisch und bedeutet Freude, wie das Glück, das dieser Musikstil bescheren soll. Sie ist die mit Abstand beliebteste Musikrichtung auf Sansibar, wird auf privaten Hochzeiten genauso gespielt wie auf offiziellen Einweihungen.

Ein typisches Orchester besteht aus Kanun – der orientalischen Zither –, Oud – einer arabischen Art Laute –, Nay – einer aus dem Nahen Osten stammenden Langflöte –, Violinen, Kontrabässen und Trommeln. Die Zusammensetzung erinnert an ein Ensemble ägyptischer Musik, aber gleichzeitig spielt das Orchester auch aus Europa importierte Rhythmen wie Walzer und afrikanische wie Chakacha. So wie Sansibar selbst, das schon von Portugal, dem Sultanat von Oman, dem Britischen Königreich und heute Tansania beansprucht wurde, ist Taarab ein Mosaik. Und wenn du auf Sansibar die Flöte spielst, sagt hier eine Redensart, dann tanzt ganz Afrika. Berühmt machte die Inselmusik ausgerechnet eine Frau. Als Mutter des Taarab gilt die Sängerin Siti Binti Saad, deren Alben in den Zwanziger- und Dreißigerjahren Zehntausende Male über den Tresen wanderten. Damals waren das sagenhafte Verkaufszahlen und noch heute gilt Siti Binti Saad in Sansibar als Heldin. Sie war die erste, die zu den arabischen Instrumenten auf Swahili sang und sogar selbst ein Instrument zu spielen gelernt haben soll – obwohl das bis heute eigentlich den Männern vorbehalten ist.