1. Tag

Prachtvoll ist er anzusehen. Seine hohe, mächtige Kuppel ragt, gerahmt von neckischen Türmchen, über die Stadt, im Inneren strahlen weite Treppenaufgänge, Halbsäulen aus Marmor und der in Stein geschlagene Schriftzug "Antwerpen" etwas Majestätisches aus. Die Rede ist vom Bahnhof, einem Pantheon der Technik, der "Spoorwegkathedraal", Eisenbahnkathedrale, genannt wird. Wer hier ankommt, versteht sogleich, dass die Stadt an der Schelde gern aus dem Vollen schöpft und den Überschwang liebt und pflegt.

Gleich hinter dem Bahnhof sind die Häuserfassaden hin­gegen unscheinbar, doch die Gegend hat es in sich. Im ­Diamantenviertel wird noch immer ein Großteil aller Rohdiamanten weltweit gehandelt, der Antwerp Cut gilt als Gütesiegel. Das Viertel ist die Heimat einer großen jüdischen Gemeinde, hier sieht man Männer mit Schläfenlocken und den typischen steifen Hüten der Orthodoxen, ein in Europa rarer An­blick. Wer mehr über die Welt der Glitzersteinchen und ihrer Hüter erfahren will, sollte eine geführte Tour buchen – oder das neue Diamantenmuseum Diva in der Suikerrui besuchen, das Anfang Mai eröffnet.

Nun reisen wir in der Zeit zurück in Antwerpens künstlerisch blühendste Epoche. Das Rubenshuis ist ein idealer Ausgangspunkt, um die Stadt auf den Spuren des Barockmalers zu erkunden. Peter Paul Rubens ließ sein großzügiges Wohn- und Arbeitshaus im italienischen Stil umgestalten, heute sind hier nicht nur Werke von ihm selbst zu bewundern, sondern etwa auch Gemälde seines Schülers Anthonis van Dyck oder Exponate aus Rubens’ umfangreicher Kunstsammlung, darunter ein Altarbild von Tintoretto, das zwischenzeitlich David Bowie gehörte.

Rubens' dramatische Kreuzaufrichtung von 1609/10 in der Liebfrauenkathedrale. © Piet De Kersgieter/Visit Flanders

Auf der Meir, der zentralen Einkaufsstraße, kehren wir bei The Chocolate Line ein, um uns einer Tasse Schokolade und Pralinen mit Zigarren- oder Erdbeergeschmack hinzugeben – der Inhaber Dominique Persoone gilt als der Rock ’n’ Roller unter Belgiens Chocolatiers. Von hier ist es nah zu einer weiteren Station auf Rubens’ Lebensweg: seinem Grab. In der St. Jakobskirche fand er gemeinsam mit mehr als vierzig Nachkommen ewige Ruhe. Sein Grabgemälde schuf er selbst und verewigte darauf auch seine beiden ­Ehefrauen Isabella Brant und Hélène Fourment.

Dass sich Antwerpens Schätze flämischer Meister keineswegs nur auf Rubens beschränken, zeigt das frisch eröffnete Snijders & Rockoxhuis, benannt nach dem Stilllebenspezialisten Frans Snijders und dem Sammler Nicolaas Rockox. Hier sind neben Möbeln und Musikinstrumenten des Barock wunderbare Werke von Pieter Brueghel d. J., Jacob Jordaens und natürlich Snijders selbst zu sehen.

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst Heft Nr. 143/2018. © Weltkunst Verlag

Der letzte Halt auf dem heutigen Barockrundgang ist die St. Carolus Borromäuskirche, nur einen Steinwurf vom Snijders & Rockoxhuis entfernt. Rubens’ enge Verflechtung mit den Mächten der Gegenreformation, ohne die sein Aufstieg zum Malerstar in Antwerpen nicht möglich gewesen wäre, kann man hier am besten begreifen. Jesuiten ließen das Gotteshaus von 1615 bis 1621 errichten und glanzvoll ausstatten – ein kämpferischer Gegenentwurf zur Kargheit der Bilderstürmer, die Antwerpen wenige Jahrzehnte zuvor noch dominiert hatten. Rubens schuf nicht nur mehrere Gemälde für den Hochaltar, sondern auch einen Bilderzyklus für die Decke und die Seitenschiffe, der später bei einem Brand verloren ging. Sein Sinn für dramatische Inszenierungen lässt sich gut in der Marienkapelle nachempfinden, wo das Stuckwerk und das von oben einfallende Licht die Wirkung der gelungenen Kopie des Himmelfahrtsgemäldes intensivieren.

Den Abend verbringen wir auch in einer Kirche: Das Sternerestaurant The Jane residiert in einer aufgegebenen Kapelle (unbedingt reservieren).