"Which city is better, Istanbul or Berlin?", fragt der Englischlehrer aus den USA, der seit acht Jahren hier am Bosporus lebt, und vor acht Jahren, denkt man, wäre die Frage passend gewesen. Und die Antwort einfach: Istanbul. Istanbul hatte alles. Alles, was andere hippe Metropolen bieten, und noch viel mehr: Fährfahrten auf dem Bosporus, Strände auf den Prinzeninseln im Marmarameer und dazu ein ganzes Viertel, in dem die Gassen nachts zu Tanzflächen wurden, dessen Bars nahtlos ineinander übergingen.

Der Englischlehrer zündet sich eine Zigarette an und beginnt, sich im Takt der Clubmusik zu wiegen. Neben ihm zieht eine Tanzende eine andere an der Hüfte heran, auf der Bank hinten verweben zwei Männer ihre Zungen, und der Barkeeper zwinkert der Transfrau mit dem Gin Tonic zu. Der Techno treibt voran und der Amerikaner ruft: "Istancool!" Aber ist es das noch? 

Draußen vor der Tür liegt Tünel, jener Bezirk von Beyoğlu, in dem 2010 noch jede Nacht Festivalstimmung war. Heute sind die Gassen ruhig. 2011 ließ die AKP die Terrassen von Tünel schließen. Doch hier drinnen in diesem Club, im Gizli Bahçe, geht die Party weiter. Die Menschen, die diese Stadt ausmachen, lassen sich nichts verbieten. Klar, einigen reichte es, sie gingen weg, der Repression aus dem Weg, die in den letzten Jahren nur wuchs. Doch mindestens genauso viele sind geblieben, machen die Bars und die Kulturzentren nur woanders auf, verlagern den Tanz und die Diskussion an neue Orte.


Erdoğan und seinen AKP-Freunden ist jeglicher Hedonismus jenseits des Kaufrauschs in der Mall ein Graus (Malls und Moscheen sind seine Sache), genau wie jeder antipatriarchale Lebensstil. In Ankara hat die AKP queere Veranstaltungen verboten. In Istanbul wurde letzten Juni schon das zweite Jahr in Folge der Gay Pride March untersagt – mit der Begründung, dass er in den Fastenmonat Ramadan falle und Gläubige sich gestört fühlen könnten. Seit dem Putschversuch 2016 hat außerdem die Unterdrückung von Regierungskritikern ein neues Ausmaß erreicht: Alle, die öffentlich gegen Erdoğan mobilisieren, sind in diesem Land bedroht: dadurch, dass sie ihre Jobs verloren haben, oder gar durch Verfahren gegen sie.

Dieses "öffentlich" ist aber sehr vage, und anders als man es in Deutschland annehmen würde, bekommt die Regierung erstens vieles nicht mit, und zweitens schaffen sich ihre Gegner immer wieder neue Räume.

Gerade in Istanbul. Alle, die nicht für Erdoğan sind, sind gegen ihn. In Istanbul ist das mehr als die Hälfte der Bewohner. So auch in Beyoğlu, jenem Stadtteil, in dem der Bezirk Tünel mit den geschlossenen Terrassen liegt, in dem der Galataturm liegt, um den sich mittlerweile mehr Einheimische als Touristen scharen, und die İstiklâl, die zentrale Fußgängerzone, auf der die Lampen der Lichterketten den Kaufrausch das ganze Jahr über und bis in die Nacht hinein mit ihrem bunten Strahlen untermalen. Und auf der zuletzt am 8. März Tausende Frauen, queere Frauen, Transfrauen, Cis-Frauen, gemeinsam gegen den patriarchalen Regierungsstil demonstrierten.

An einem gewöhnlichen Dienstag Abend um neun Uhr ist schnelles Vorankommen auf der İstiklâl kaum möglich, so viele Fußgänger schlendern hier entlang. Gerade erst hat der Regen nachgelassen, alles ist noch nass. Doch die Menschen scheinen keine Eile zu haben. Nur die Teenager, die in Gruppen zu H&M, Zara und Mango stürmen. Die Kinder daneben können sich nicht fortreißen von den Eisverkäufern, die riesige Kugeln in die Tüten füllen, dabei "ah" und "oh" machen und kleine Glöckchen läuten. Der sanfte Rauch von den Maronenständen erinnert das ganze Jahr an deutsche Weihnachten, eine Frau hat einen Stuhl und eine Gitarre mitgebracht und ein paar Passanten sind stehen geblieben und beginnen zu tanzen.

Die İstiklâl führt bis zum Taksim-Platz, an den der Gezi-Park grenzt. Hunderttausende Menschen protestierten dort vor fünf Jahren wochenlang gegen die Regierung. Im Gezi-Park feierten sie eine neue Form von Solidarität unter Kurden, Transsexuellen, Linken, Armeniern, antikapitalistischen Muslimas, vereint im Aufbegehren gegen die staatliche Repression. Parallel dazu erreichte aber auch die Gewalt, mit der Erdoğan darauf reagierte, ein Ausmaß, das erstmals allen offenbarte: Unter ihm wird kein friedlicher Widerspruch, wird keine Demokratie mehr möglich sein. Wer bis dahin noch geglaubt hatte, Erdoğan sei ein demokratischer Reformer, wurde endgültig widerlegt.