Einigen Türken reichte es, sie gingen weg, der Repression aus dem Weg, die in den letzten Jahren nur wuchs. Doch mindestens genauso viele sind geblieben. © Oziel Gomez/unsplash.com

Getrieben davon, sich an den einstigen Eliten zu rächen, hatte Erdoğan zwar zu Beginn seiner Amtszeit großen Teilen jener armen Bevölkerungsschicht, aus der er selbst stammt, Zugang zu mehr Wohlstand und Bildung verschafft, doch es passte ihm nicht, dass damit auch deren Bestreben nach Selbstbestimmung und Freiheit wuchs. Zunächst hatte er selbst zugelassen und vielleicht sogar ermöglicht, dass die Türkei und vor allem Istanbul – jene Metropole, die sich als einzige über zwei Kontinente erstreckt, verbunden durch die Bosporus-Brücke – in den Nullerjahren nicht nur zum Touristenziel, sondern zur international relevanten Kunst- und Kulturstätte und zum Sehnsuchtsort europäischer Erasmus-Studenten wurde.

Doch im Grunde ist Erdoğan daran nie interessiert gewesen. Die Menschen, die vor fünf Jahren auf die Straße gingen, hatten das früh erkannt. Erdoğan hatte bereits zuvor begonnen, gegen säkulare, liberale Bevölkerungsschichten vorzugehen. Er hatte Demonstrationen und Versammlungen immer wieder mit Gewalt aufgelöst und die Steuern auf Alkohol erhöht. Die brutale Reaktion auf die Gezi-Park-Proteste enthüllte auch im Westen schließlich den autoritären Charakter seiner Regierung.

Der Tourismus brach aber erst drei Jahre später richtig ein – zu viele Ereignisse hintereinander schreckten die Touristen ab: Im Januar 2016 sprengte sich ein islamistischer Selbstmordattentäter in Sultanahmet direkt neben den berühmten Sehenswürdigkeiten, neben der Hagia Sophia und der Blauen Moschee, in die Luft. Elf Deutsche und ein Peruaner starben. Es folgten das Attentat am Istanbuler Atatürk-Flughafen, der Putschversuch gegen Erdoğan, der Angriff auf den Istanbuler Nachtclub Reina, die Verhaftung der deutschen Journalisten Meşale Tolu und Deniz Yücel und des Menschenrechtlers Peter Steudtner.

Seit dem letzten Attentat in der Stadt, seit jenem Anschlag auf den Nachtclub am 1. Januar 2017, sind nun aber fast eineinhalb Jahre vergangen, in denen Istanbul nicht mehr vom Terror heimgesucht wurde, und auch die drei bekannten Deutschen sind mittlerweile freigekommen. Das scheint die Touristen bereits beruhigt zu haben: 2017 kamen wieder mehr als im Vorjahr ins Land. Wer nur in Antalya am Strand liegen oder Istanbul besichtigen will, wird auch tatsächlich kaum etwas davon mitbekommen, dass Erdoğan sich in den letzten Jahren zunehmend zum Despoten entwickelt hat. Die Passkontrollen bei der Einreise am Flughafen dauern genauso lang wie eh und je, nur die Schlangen am Ticketschalter vor der Hagia Sophia sind deutlich kürzer als früher.

Und manche Menschen, die, anders als Touristen, sehr wohl ins Visier der Regierung geraten könnten, ließen sich selbst in all den Jahren, all der zunehmenden Repression zum Trotz, nicht davon abhalten, nach Istanbul zu ziehen. Dilşad Budak kommt aus dem Ruhrgebiet und sitzt heute Abend auf der Bühne im Luzia, einer Bar mit Kulturzentrum im Viertel Arnavutköy. Das Lokal ist der Ableger der berühmten Luzia in der Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg. Seit Kurzem pendelt der Besitzer Kaan Müjdeci, ein Filmregisseur, zwischen Berlin und Istanbul, und da Arnavutköy das neue Beyoğlu sein soll, hat er die neue Luzia hier, ein bisschen abseits der touristischen Attraktionen, aufgemacht. Arnavutköy war bislang allein für die alten verschnörkelten Holzhäuser bekannt, die in verschiedenen Pastelltönen von der Promenade am Bosporus den Hügel hinaufwachsen. Durch die Gassen dazwischen drängeln sich jetzt Vespas, Spaziergänger und Taxen. Aus einem steigt eine Frau mit 13 Zentimeter hohen Louboutin-Pumps und beugt sich tief nach unten zu drei Katzen, die wie Fans am Bürgersteig warten.

Auch Dilşad Budak trägt High Heels auf der Bühne des Luzia, schwarze Jeans und dazu Lippen und Nägel knallrot. Sie liest aus ihren biografischen Notizen Türkland, einer sehr persönlichen Erzählung postmigrantischer Gefühlswelten. Sie liest auf Türkisch, an der Leinwand im Hintergrund erscheint die deutsche Übersetzung. Der Saal ist voll, die Leute drängen sich hinter den besetzten Stuhlreihen, ein paar müssen zur nächsten Vorstellung wiederkommen. Budak ist in Deutschland aufgewachsen und nach dem Studium in die Türkei gezogen – zu einer Zeit, als die goldenen Jahre Istanbuls angeblich schon vorbei waren, wie man ihr sagte. Sie findet: Gerade jetzt muss man hierherkommen.