Damals, als der Film mit Sophia Loren gedreht wurde, war Giuseppe leider schon weg, weitergezogen nach Turin, Italiens Automobilmetropole. Bis dahin lebte er im Po-Delta, etwas mehr als eine Autostunde südlich von Venedig entfernt, wo Mario Soldati den Film Die Frau vom Fluss drehte. Es war Anfang der Fünfzigerjahre und Sophia Loren, damals noch nicht weltberühmt, aber schon atemberaubend schön, spielte die Hauptfigur Nives, eine junge Frau, die sich in einen Gauner verliebt und von diesem samt Kind verlassen wird.

Als Giuseppe ging, war er 27 Jahre alt. Heute ist er 82. Geboren und aufgewachsen ist er in Scardovari, gleich bei Porto Tolle, der größten Gemeinde des Deltas. Obwohl er sich längst woanders ein Zuhause aufgebaut hatte, kam er immer wieder zurück. Und tut es heute noch. Denn ohne diese Stille, das Geplätscher des Flusses, den Singsang der Brandung, das Geschrei der Möwen, die Lagune, die Dünen und die ständig wechselnden Farben wolle er nicht leben. Seit er in Rente ist, auch schon wieder seit einer halben Ewigkeit, lebt er von April bis November in der alten Heimat auf einem Landstrich namens Scanno Boa.

Scanno nennen die Italiener die vom Po angeschwemmten Kies- und Schlammablagerungen, Landzungen, die die Adria vom Fluss trennen. Hier hat er seine Casone, eine Schilfhütte, die sogar älter ist als er, wie Giuseppe stolz erzählt. Einst diente sie den Fischern als Notunterkunft, wenn ein Unwetter sie überraschte und sie es nicht mehr in die Häfen schafften. In den neun Monaten, die er hier im Jahr verbringt, geht der alte Mann mit seinem Hund Leo am Strand spazieren, fischt, holt sich das Obst von den Bäumen, die in der Nähe des Häuschens wie aus dem Nichts wachsen, sammelt Wildkräuter für seine Suppentöpfe und Risotto. Von einem Pumpbrunnen nimmt er sich das Wasser, Strom erzeugt eine kleine Solaranlage. "Die Natur hat hier wieder die Oberhand gewonnen. Und das ist gut so", sagt er. "Alle, die mich besuchen kommen, meinen, dies sei ein Paradies. Wer weiß, vielleicht ist es im Paradies wirklich so schön wie hier."

Giuseppe lebt von April bis November in der alten Heimat auf einem Landstrich namens Scanno Boa. Er geht spazieren, fischt, sammelt Wildkräuter. © Andrea Affaticati

Die Regionalregierung Venetiens hat entscheidend zur Entstehung dieses Paradieses beigetragen. Sie stellte das Gelände unter Naturschutz, als sie 1988 den Parco regionale del Delta del Po gründete. Die Unesco erklärte das Areal – mit 380 Quadratkilometern Europas größtes Feuchtgebiet – 1999 zum Welterbe und 2015 zum Biosphärenreservat. Doch trotz dieser Auszeichnungen blieb das Delta vom Massentourismus verschont. Der Landstrich zählt zu den letzten unentdeckten Flecken Italiens. Das mag, zumindest was die Italiener betrifft, nicht zuletzt daran liegen, dass er sich mit dem Auto kaum erkunden lässt. Viel geeigneter sind Rad, Kajak und Boot.

Wer sich auf dem Wasser bewegt, sieht auf der einen Seite Schilfdickicht und Lagunen, auf der anderen Sandbänke und Jahrtausende alte Dünen. Dort Kormorane, hier Seidenreiher und kreischende Möwen. Selbst wer Lust auf Baden hat, findet schöne Strände. Ab und an liegt ein Hausboot am Ufer oder eine schwimmende Trattoria. Die Küche ist strikt lokal, Spaghetti mit Venusmuscheln und marinierter Aal gehören zu den Spezialitäten. Am Strand von Punta Maistra, dem äußersten Zipfel des Deltas, verbreitet ein einsamer Leuchtturm Postkartenatmosphäre. Verstärkt wird der idyllische Eindruck durch Hunderte, wenn nicht Tausende vom Meer angeschwemmte Holzstücke. Viele von ihnen haben bizarre Formen. Da eins, das an den Glücksdrachen Fuchur aus Michael Endes Die unendliche Geschichte erinnert, dort eins, das dem Kopf eines Rhinozerosses verblüffend ähnelt. Und im Herbst, wenn die Queller, eine blattlose Küstenpflanze, blühen, verwandelt sich hier alles in ein rotes Farbenmeer.

Doch die Natur war nicht immer so einladend. Bis ins späte 19. Jahrhundert war das Delta, in dem der Po in die Adria fließt, ein riesiges Sumpfgebiet, in dem die Malaria wütete. Die Dogen von Venedig, denen dieses Land gehörte, und an die noch heute die Orts- und Gutsbezeichnungen Ca’ Venier und Ca’ Zuliani erinnern, hatten versucht, den Po an der Mündung in strenge Wasserläufe zu zwingen. So entstanden im Laufe der Zeit die Abzweigungen Po di Goro, Po Maistra, Po della Pila, Po delle Tolle, Po della Donzella.

Mitte des 19. Jahrhunderts begann die Trockenlegung. Zuerst wurden Dampfmaschinen mit Schaufelrädern eingesetzt, später Pumpen. Im regionalen Museum in Ca’ Vendramin sind auch einige der ältesten Maschinen zu besichtigen. Doch allen Bemühungen zum Trotz scherte der Fluss immer wieder aus. Eine der verheerendsten Überschwemmungen erlebte man im Delta im November 1951, als die Dämme bei Occhiobello durchbrachen und sich über das ganze Gebiet eine Milliarde Kubikmeter Wasser ergossen. Hunderte von Menschen kamen infolge der Alluvione del Polesine um, Tausende wurden obdachlos. Und bis heute haftet dem Polesine der Ruf von Unglück an, was ein weiterer Grund dafür ist, weshalb das Delta zumindest bei den Italienern nicht zu den Top-Reisezielen gehört.


Claudio, Giuseppes bester Freund, wartet im Fischerdorf Pila, einem Fleckchen Erde, das über einen schmalen Dammweg mit einer anderen Scholle Land verbunden ist. Er ist ein stattlicher 50-Jähriger mit einem von Wind und Sonne gegerbten Gesicht. Von Beruf ist er Fischer, verdient sich aber nebenbei – wie viele seiner Kollegen – etwas hinzu, indem er die Besucher mit dem Motorboot durchs Delta führt. Offiziell gibt es im Delta 1.500 Fischer, die sich zu einem Verband zusammengeschlossen haben. An Arbeit fehlt es nicht, auch wenn die Industrialisierung und die vom Menschen ausgesetzten Fischarten viele einheimische verdrängt haben, zum Beispiel die Störe. Als Alternative investieren Fischer Zeit und Geld in die Zucht von Venusmuscheln, die aus Spanien importiert werden, weil sie sich schneller als die einheimischen vermehren. Hinzu kommen Miesmuscheln und seit Kurzem auch Austern.