Was macht einen Menschen aus? Sind es die Dinge, die er besitzt? Für Constantin Irimescu, den 74-jährigen Hirten, der in einem Holzverschlag an der rumänisch-ukrainischen Grenze hoch oben in den Bukowina-Karpaten lebt, sind alle Gegenstände in Griffweite: drei Metallkessel in verschiedenen Größen zum Kochen der Milch, eine Stahlkette, um diese über der Feuerstelle aufzuhängen, zum Sieben einen Holzkranz mit Drahtgeflecht, dazu ein paar Tücher und zwei Holzbottiche, in denen die Milch fermentiert. Der so entstandene Rohmilchkäse hängt in einfachen Tüchern mit Nägeln befestigt an einem Balken am Ende der kleinen Hütte. Constantin Irimescu besitzt außerdem zwei Eimer zum Melken und zwei für das Wasser. Zum Essen vier Blechnäpfe und Besteck. Manchmal kommt schließlich Besuch. 

Der Hirte schläft auf der grob gezimmerten Holzbank neben dem offenen Feuer. Zum Schutz gegen die Kälte liegen daneben zwei zusammengenähte Schafspelze. An der Wand über der Holzbank hängt ein kleines Regal, auf dem ein Klappmesser liegt und Konservengläser mit Gewürzen, ein Transistorradio und eine Taschenlampe stehen. Eingeklemmt in die Dachsparren der kleinen Hütte sind zwei Strohhüte und zwei Wintermützen und an einem Nagel hängt sein Militärrucksack aus dunklem Segelleinen mit Lederriemen. Alt und wettergegerbt wie der Hirte. Es ist wenig Besitz und doch viel, weil jedem dieser Gegenstände eine Bedeutung zugeordnet ist, fast jeder ist täglich in Gebrauch. Nichts ist überflüssig. Selbst das Radio hat einen Zweck und bringt Kurzweil in die knappe Zeit ohne Arbeit.

Constantin Irimescu liegt auf der Holzbank in seiner Hütte. © Martin Praska

Am liebsten hört Constantin Irimescu die Unterhaltungssendung um sechs Uhr morgens. Zum Frühstück, wenn die erste Arbeit bereits getan ist und die Schafe ausgetrieben sind. Aus dem Lautsprecher dudelt dann rumänische Volksmusik, viele Blechbläser, und je nach Motiv ist im Hintergrund eine traurig-elegische oder eine anfeuernd-lustige Stimme zu hören. Dazwischen moderiert ein verbindlich klingender Alt. Manchmal lacht der Hirte über eine kuriose lokale Nachricht. Gebe es das Transistorradio nicht, könnte Constantin Irimescu auch vor hundert, zweihundert, ja zweitausend Jahren gelebt haben. Ein Hirte eben, ein menschlicher Archetyp.

Seit Constantin Irimescu vor 62 Jahren als Hirte in dieser Gegend anfing, hat sich nicht viel verändert. Die Arbeit ist die gleiche geblieben: die Schafe hüten, abends melken, Käse erzeugen, immer auf der Hut vor den Wölfen sein. Alles dreht sich um das Wohlbefinden der Tiere. Selbst die großen politischen Umbrüche in der Ukraine und in Rumänien haben diese Lebenswelt kaum beeinflusst. Der einzige Unterschied zwischen der kommunistischen und der kapitalistischen Zeit ist, dass Constantin Irimescu seinen Käse heute selbst verkaufen kann und ihm die Schafe gehören. Aber sein Einkommen ist immer klein gewesen. Ein Kilogramm Schafskäse erlöst auf dem lokalen Markt umgerechnet drei Euro. Dazu kommen Fördergelder von der Europäischen Union. In guten Monaten stehen ihm und seinem Sohn, mit dem er sich seit einigen Jahren diese archaische Welt teilt, 500 Euro zur Verfügung.