Den kurzen Moment, in dem man sich schwerelos glaubt und es im Bauch heftig kribbelt, kennt jeder aus seiner Kindheit. Dann war beim Schaukeln der höchste Punkt erreicht, an dem die Zehen beinahe die Wolken berührt hätten. In Estland kann man die Schranken des Erwachsenwerdens passieren, ohne seine Spielplatzfantasien vom Fliegen abgeben zu müssen. Hier dürfen auch Große ihr ganzes Leben lang schaukeln. Und das Schaukeln verrät viel über den Charakter dieser Nation.

Neben Tallinn bleibt Estland für viele Touristen unbekannt. Dabei gibt es viel zu entdecken. Zum Beispiel Schaukeln. © Nicole Quint

Der malzige Geschmack des traditionellen Roggenbrots und die Stille der Hochmoore, die Mückengeschwader, die an schwülheißen Tagen als graue Mauer in der Luft stehen, und die Kreuzfahrttouristen, die in der Hochsaison über die Hauptstadt Tallinn fallen wie der Regen auf den Wurm - all das erzählt zwar einiges über das Leben im kleinsten und nördlichsten der drei baltischen Länder, wer Esten aber wirklich verstehen will, muss schaukeln. Es ist ein Lebensgefühl, und nichts versinnbildlicht die Höhen und Tiefen von Estlands Geschichte schließlich besser als das Auf und Ab einer Schaukel.

Dänen, Schweden, Deutsche und Russen lösten sich seit dem 13. Jahrhundert bei der Herrschaft über das baltische Land ab. Phasen der Autonomie dauerten immer nur kurz. Weil man im Gezeitenwechsel der Besatzer nie wissen konnte, ob morgen nicht wieder etwas Neues kommt, galt für viele Esten der pragmatische Leitsatz: "Glück findest du nur in der Gegenwart" – in der Gemeinschaft, beim Singen, Tanzen und nicht zuletzt beim Schaukeln. Beim Kiiking, wie es auf Estnisch genannt wird, kommen große Schaukeln aus schweren Holzbalken zum Einsatz, auf denen bis zu zehn Personen im Stehen miteinander schwingen. Schon vor Jahrhunderten spielten solche Volksschaukeln im heidnischen Glauben der Esten eine besondere Rolle. So war es zur Tag- und Nacht-Gleiche im März Brauch, der Sonne mit Schwung über den Horizont zu helfen, damit es endlich Frühling werden konnte, und auch die Weißen Nächte des Mittsommers feierte man alljährlich auf dem Schaukelplatz. Nach der Christianisierung ihres Landes gab es neue gute Gründe, sich in luftige Höhen zu schwingen: So wird Ostern im Estnischen nicht nur Ülestõusmispüha (Auferstehungsfest), sondern auch Kiigepühad (Schaukelfeiertag) genannt.

Überall im Land war der Platz mit der Dorfschaukel der Mittelpunkt des sozialen Lebens. Junge Männer traten in Schaukelwettbewerben gegeneinander an, um ihre Auserwählten zu beeindrucken, und sogar Heiratsanträge sollen beim abendlichen Schwingen mit der Liebsten gemacht worden sein. Noch heute finden sich in jedem Ort solche klassischen Holzschaukeln, denn selbst in den schweren Zeiten der russischen Besatzung von 1940 bis 1990 haben die Esten sich den Spaß am Kiiking nie verbieten lassen. Es war ein schaukelnder Protest und eine Art Überlebenstechnik, die half, das Beste aus dem Schlechten zu machen und sich ein wenig freier zu fühlen.

Im postsowjetischen Estland der 1990er-Jahre entwickelte sich aus der Tradition des gemächlichen Schaukelvergnügens eine Extremsportart. Plötzlich hatten die Esten ihre Unabhängigkeit wieder. Sie konnten Grenzen austesten, wollten Ängste überwinden und Selbstkontrolle erlernen und erfanden das Kiiking neu. Die rustikalen Holzschaukeln ersetzten die Tüftler durch überdimensionierte 360-Grad-Schaukeln aus Metall, deren Teleskoparme sich bis auf acht Meter ausfahren lassen. Ziel ist der Überschlag. An Füßen und Armen fixiert stehen die Akrobaten dann für einige Sekunden kopfüber in der Luft, bevor sie rasant wieder erdwärts rauschen. Es ist dieser kurze Moment, in dem der Schaukler sich schwerelos glaubt, der das Adrenalin explodieren lässt und so unglaublich glücklich macht.

Ob am Ende dieses scheinbar endlosen Wanderwegs im Lahemaa-Nationalpark wohl eine Schaukel wartet? © Nicole Quint

Mutige Touristen können die schwindlig machende Reise zu den Wolken zum Beispiel am Strand des Seebades Pärnu antreten. Die altmodischen Volksschaukeln aber warten in kleinen Dörfern, deren Namen die Zunge Vokal-Walzer tanzen lässt: Jõekääru, Rooküla, Turbuneeme, Muuksi oder Suurejõe. Orte, die ebenso unbekannt sind wie Estlands Schaukeltradition, denn abseits der Hauptstadt Tallinn bleibt das baltische Land für viele Touristen Terra incognita. Dabei könnten sie dort in den Mooren, Sümpfen und Wäldern erleben, wie es vor einigen hundert Jahren auch in weiten Teilen Deutschlands noch aussah, könnten die skandinavisch anmutende Küste mit ihren schilfbewachsenen Ufern und einsame Sandbuchten entdecken und sich immer wieder zum Schaukeln einladen lassen. Kiiking ist nämlich keine Folklore für Touristen geworden, auch wenn viele Reiseleiter ihren Gruppen inzwischen Lektionen im Stehendschaukeln erteilen. An den langen Sommerwochenenden, wenn die Mittsommernacht ein Silberblau am Himmel liegen lässt, kommen die Esten immer noch zusammen, singen traditionelle Volkslieder, trinken selbstgebrautes, würziges Bier und schaukeln. Wer mit ihnen mitschwingt, erlebt Völkerverständigung auf die vergnüglichste Art. Unter einem weiten estnischen Himmel mit Schwung gegen die Schwerkraft arbeiten, und die Welt noch einmal mit dem Blick eines Kindes betrachten. Höher, höher – bis man beinahe die Wolken berührt