Das Donnern der Kanone von Nazaré ist kurz vor Sonnenaufgang im Ort zu hören – wenn der Wind aus Westen aufs Festland drückt, ganz besonders laut. Dann schiebt er das Getöse vorbei an der gewaltigen Felsformation, durch die schmalen Gassen, durch die Ritzen der Fensterrahmen in die Betten der rund 15.000 Einwohner. Es ist die Zeit, in der sich Sebastian Steudtner, Walter Chicharro, Mama Celeste und Sylviane Lehuby aufmachen – in eine kleine Welt, an deren Küste ein Monster tobt.

Die Naturgegebenheiten vor Nazaré sind weltweit einzigartig. Und wie so oft bei einzigartigen Dingen sind die Ursachen dafür nicht offensichtlich, sondern für das Auge unsichtbar. Direkt unter dem Leuchtturm des Städtchens, an der Atlantikküste, etwa anderthalb Autostunden von Lissabon entfernt, endet fast rechtwinklig ein 230 Kilometer langer und bis zu fünf Kilometer tiefer Unterwassergraben – damit ist er halb so lang, aber mehr als doppelt so tief wie der Grand Canyon. Der Tiefseegraben, der zwischen der eurasischen und afrikanischen Kontinentalplatte liegt, kanalisiert nach heftigen Stürmen auf hoher See die Energie des Wassers und spuckt so vor allem in den Wintermonaten direkt vor Nazaré die größten Wellen der Welt aus. Das alles geht hier seit Menschengedenken so, doch erst seit 2010 interessiert sich, neben den 200 Fischern im Ort, auch der Rest der Welt dafür – und Nazaré verändert sich. 

Walter Chicharro ist im Wahlkampf. Der 47-Jährige hat es eilig, er will zum Leuchtturm hoch, aber er nimmt sich die Zeit für ein paar Wortfetzen, für die zukünftigen Wähler doch immer. "Na, Tiago", er reicht dem Jungen beim Vorbeigehen die Hand. "Wie läuft’s in der Schule? Und nachher wieder ins Wasser?" Als Antwort etwas Gegrummel, dann folgt zur Verabschiedung eine beidseitige Hang-Loose-Geste. Man versteht sich. Ob Chicharro, der Bürgermeister von Nazaré, auch surft? "Nein, nein", sagt er und winkt ab. "Aber ich verstehe den Wert dieser Welle für den ganzen Ort. Das ist ein Geschenk der Natur." Auch sein Vorgänger hatte das verstanden, und so suchte die Provinzregierung vor acht Jahren irgendjemanden, der es wagen würde, auf der Welle vor Nazaré zu surfen. Die Einheimischen trauten es sich nicht zu – für alle anderen war der Ort unbekannt. Und so schrieb man Garrett McNamara an, einen amerikanischen Big-Wave-Haudegen. Der Erzählung nach war er der Einzige, der eine E-Mail-Adresse auf seiner Internetseite hatte und daher überhaupt erreichbar war. Und 2011 kam, sah und surfte er.

Oberhaupt: Walter Chicharro, Bürgermeister von Nazaré am Südstrand © Lars Jacobsen

Nazaré ist durch ein 110 Meter hohes Felsplateau geteilt. Unten am Strand das Neubauviertel und oben Sítio, das alte Nazaré. Schon früh wurde der Fischerort zu einem Ziel für Wallfahrer. Gläubige kamen und kommen, um in der Kirche Nossa Senhora da Nazaré die etwa 30 Zentimeter große, holzgeschnitzte Statue der Jesus stillenden Maria zu sehen – der religiösen Legende nach eine authentische Darstellung der beiden. Da aber der moderne Tourismus mehr braucht als eine Holzschnitzerei, schuf man zusätzlich ein lautes, ungestümes, eigenes Wunder. Und was für eines.

"Mehr als sieben Millionen Euro", sagt Chicharro und klopft mit dem Fuß an die rote Leuchtturmwand, als bitte er um Einlass. Er meint damit den medialen Gegenwert, den der Big-Wave-Wettbewerb Nazaré im Vorjahr gebracht hat. Verlässliche Besucherzahlen erhebt hier niemand, also ist der Aufschwung an vielen Ecken nur ein gefühlter. "Als ich ein Kind war, stand der Leuchtturm immer leer", sagt Chicharro, "heute kommen hier jährlich 400.000 Besucher hoch." Und jeder von ihnen zahlt einen Euro Eintritt, um das Big-Wave-Museum zu besuchen, das dort in zwei Räumen ein paar Bretter ausstellt und über die Entstehung der Welle informiert. Die Begeisterung für das Wellenreiten steigt exponentiell – vom Randsport zu einem Trend. Die European Surfing Federation geht allein in Europa mittlerweile von zwei ­Millionen aktiven Wellenreitern aus. Und selbst Weißwasseramateure interessieren sich für den Lifestyle und damit auch für die Helden des Brettsports. So entschloss man sich vor drei Jahren, das Logo der Stadt anzupassen. Seither präsentiert sich Nazaré mit dem Leuchtturm und den Klippen – dem Ursprung des Wandels.

Dieser Artikel stammt aus “ADAC Reisemagazin“ Nr. 165.

Etwa 40 Meter unter Walter Chicharro und dem Leuchtturm zwängt sich Sebastian Steudtner in seinen vier Millimeter dicken Neoprenanzug und schraubt die drei Finnen in sein Surfbrett, das aufgrund seiner Länge auch "Gun" genannt wird. Es ist ein für große Wellen konzipiertes Brett. Die Luft schmeckt salzig, das Weißwasser schuppt sich dick auf den Strand. Auf Hawaii lernte der Deutsche das Windsurfen, kam zum Wellenreiten und wurde einer der besten Big-Wave-Surfer. 2010 gewann er zum ersten Mal den Billabong XXL Global Big Wave Award, fünf Jahre später ein zweites Mal, als er hier, direkt unter dem Leuchtturm, eine 21,6 Meter hohe Welle bezwang. Heute ist der 33-Jährige zum Trainieren da, denn das Monster von Nazaré wird bald erwachen. "Wenn es richtig groß wird, weit über 20 Meter, und wir uns von einem Jetski in die Welle ziehen lassen, stehen da oben auf der Klippe 1.000 Leute. Früher waren wir ganz allein", sagt Steudtner. Wenn dieser Tag kommt, muss alles zusammengehen: der 260-PS-Jetski und sein Fahrer, die Ausrüstung und das eigene Können. Dafür trainieren er und sein Team, sobald im Winter die ersten Stürme Wellen bringen und die Kanone von Nazaré zu donnern beginnt. Weltweit surfen gerade einmal 30 Menschen auf Wellen dieser Größe.