Als er am dritten Tag die frischen Spuren entdeckt, weiß er: Sie sind noch da. Der Blick zum Horizont ist frei, die Stille des Tals vollendet, und die einzigen Menschen im Umkreis von Kilometern vernehmen nur den Hauch eines Knackens im Gestrüpp, glauben einen kurzen Moment zu spüren, dass sie beobachtet werden. Irgendwo dort draußen ist er, der Iberische Wolf. In Gerês sagen sie: Wenn du ihn entdeckst, hat er dich schon längst gesehen. Du aber bekommst ihn nur zu Gesicht, wenn er das will.

Wir sind hier, weil das Gebirge mit dem Nationalpark zu den wenigen Orten Europas zählt, die noch nicht ganz und gar erschlossen sind. Diogo Sá Lima, der Fährtenfinder, flink, aufmerksam und im Dickicht daheim, hat uns zur Via Romana da Geira gebracht. Im ersten Jahrhundert ließ Kaiser Titus sie anlegen, um sein Heer durch die dichten Wälder führen zu können. Zwischen hier und dem kleinen Ort Castro Laboreiro liegen 45 Kilometer und mehr als 1.000 Höhenmeter, ein abgebrannter Wald, ein Mann und ein totes Pferd, eine Falle, die Geschichten einer Museumsdirektorin und die Suche nach Antworten.

Wenn Diogo den Wald betritt, dann ist es, als komme er am Ort seiner Bestimmung an. Die Mata da Albergaria, die das Gebirge rund um das Dorf Gerês mit dichtem Laub bedeckt, ist ein schwer zugänglicher Urwald, unübersichtlich für alle, die sich nicht auskennen. Ein Gebiet, das mal den Spaniern, mal den Portugiesen gehörte, voller Quellen, umgestürzter Bäume, zerstörter und wieder aufgebauter Brücken, voller Schleichwege und Wasserfälle.

Felsenfest: In der Mata da Albergaria führt Diogo Sá Lima Wanderer durch die Wildnis. © Tino Sailer

Diogo, ein bärtiger, junger Mann, kommt aus der Kleinstadt Ponte de Lima. Seit 15 Jahren erkundet er den Nationalpark zu Fuß, seit vier Jahren bekommt er Geld dafür, dass er anderen seine Schleichwege zeigt. Diogo hat gute Augen. Wenn in der Ferne ein Feuer leuchtet, sieht er es. Manchmal hält er an und nimmt behutsam ein Blatt zwischen die Finger, manchmal lauscht er dem Rauschen der Bäume im Wind. "Die Eichen sind die Lebenskraft der Mata da Albergaria", sagt Diogo dann. Heimische Bäume – im Gegensatz zum Eukalyptus, einem Import aus Australien, der für Tiere ungenießbar ist, leicht brennt und andere Pflanzen verdrängt. Aber weil er schnell wächst, ist er lukrativ für die Industrie. Mit dem Eukalyptus sei es wie mit dem Tourismus, findet Diogo: Die Wirtschaft brauche ihn, der Wald aber leide darunter.

Im Wald ist der Boden feucht und glitschig, kräftige Wurzeln überziehen wie Adern den schmalen Pfad. Gleich daneben stehen mit Efeu bewachsene Steinhäuser. Hinter den milchigen Glasfenstern regt sich nichts. "Die Wächter und ihre Familien sind schon lang weg", meint Diogo. Früher schlugen sie bei Bränden Alarm, pflanzten Bäume und passten auf, dass sich niemand verlief. In den Achtzigerjahren entschied die Regierung, dass sie nicht mehr gebraucht würden und stellte ihre Unterstützung ein. Seitdem brennt es wieder in Portugal –  2017 mehr als 1.000-mal, auch im Nationalpark: Ein Berghang liegt schwarz verkohlt in der Landschaft. Ginge es nach Diogo, müsste das Nationale Institut für Waldschutz mehr tun, um den Park vor Feuer zu schützen.

Steinalt: Ermida ist eine römische Gründung. In Dörfern wie diesen ist manchen der traditionellen Häuser kaum anzusehen, dass sie noch bewohnt sind. © Tino Sailer

Hinter dem verbrannten Hügel liegt die Serra Amarela, das Gelbe Gebirge, das wegen des blühenden Ginsters so heißt – und darin Ermida, ein altes römisches Dorf voller winziger Steinhütten, mit einem Dorfplatz, einer Kirche und hohen Kornspeichern. José, der Bauer, steht vor seiner Garage, das T-Shirt faltig vom schweren Tragen, die Augen müde, und berichtet jedem, der vorbeikommt, von seinem verlorenen Pferd. "Es war auch noch trächtig", meint José seufzend. Nur 250 Euro Entschädigung habe er dafür bekommen. 

Der Wolf ist in Portugal geschützt und darf nicht gejagt werden. Die Geschichte der Verstimmungen zwischen den Menschen und dem Tier, das tötet, womit sie wirtschaften, ist lang. In Gerês zahlen die Behörden eine Entschädigung, wenn ein Wolf ein Nutztier reißt, aber bis das Geld da ist, dauert es. José zuckt die Schultern mit der Resignation eines Mannes, der die Launen der Natur schon lang kennt.

Dieser Artikel stammt aus dem "ADAC Reisemagazin" Nr. 165.

Jede Woche wird Fisch nach Ermida geliefert, täglich kommt der Brotwagen vorbei. Die Transporte sichern die Grundversorgung in dem entlegenen Dorf. Die Bewohner sind arm, die Frauen tragen bunt bestickte Kopftücher, und ihre Blicke verraten Neugier. "Ihr seid nicht die ersten Fremden, die sich hier umsehen", stellt ein Brotkäufer klar. Eine Frau meint, ein Café müsse her, in dem sich die Wanderer ausruhen könnten. Zwischen moosigen Holzkarren und Kühen, die ungestört hinter den Steinhütten grasen, erscheint der Gedanke an ein Café für Touristen noch sehr fern, aber das sagt natürlich keiner von uns.