Das Europa der Neuzeit entstand in Florenz. Die klare Rationalität des Architekten Brunelleschi, die heroischen und zugleich zutiefst menschlichen Figuren der Bildhauer Donatello oder Luca della Robbia, die neue Lebensnähe und erzählerische Kraft in den Malereien von Masaccio, Fra Angelico oder Botticelli – auf Schritt und Tritt erleben wir, wie sich das, was der Kulturhistoriker Jacob Burckhardt "die Entdeckung der Welt und des Menschen" nannte, in der Kunst des 15. Jahr­hunderts abspielte. Florenz in drei Tagen ist eine Herausforderung; darum konzentrieren wir uns ganz auf die Umbruchszeit der Frührenaissance.

Am ersten Tag meiden wir die Touristenströme, spazieren gleich morgens durch den Stadtteil am Südufer des Arno und staunen nicht zum letzten Mal, wie unfassbar viele Bauten der Renaissance sich in Florenz erhalten haben. An der Piazza San Felice nehmen wir im Caffè Bianchi, einer seit 1920 betriebene Bar Tabacchi, den Morgen­espresso zu uns. Gegenüber wird oft das kleine Gotteshaus San Felice in Piazza übersehen. Dabei besitzt es eine Fassade aus dem Quattrocento: klar und flächig, wie ein römischer Tempel von einem Giebel bekrönt.

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst Heft Nr. 144/2018. © Weltkunst Verlag

Wir verweilen hier aber nicht lange, denn ein Höhepunkt der Renaissancebaukunst wartet auf uns. Filippo Brunelleschi, der die Florentiner Architektur wie kein zweiter prägte, begann 1436 mit dem Neubau des Augustinerklosters Santo Spirito. Er entwickelte ein ausgeklügeltes System aus Säulen, Gesimsen, quadratischen Modulen und Nischen. Jedes Detail zählt. Vernunft, Maß und die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Antike: Darum ging es den ebenso pragmatischen wie kunstsin­nigen Florentinern; hier ist es in Perfektion verwirklicht.

Nur wenige Minuten braucht es von Santo Spirito zu einem weiteren Schlüsselwerk der Frührenaissance, der Brancacci-Kapelle in Santa Maria del Carmine. Von 1423 bis 1427 arbeiteten der zu Beginn erst 22-jährige, bald jung verstorbene Masaccio und der 20 Jahre ältere Masolino an den Fresken zum Leben des hl. Petrus. Sie schufen neuartige, tiefenräumliche Landschaften und Stadtansichten. Während aber Masolino noch der Spätgotik und der Figurenstaffelung Giottos verhaftet blieb, verlieh Masaccio den Dargestellten Seele und Charakter und brachte sie wie auf einer Theaterbühne zu dramatischer Interaktion. Ein neuer Menschentyp betrat die Malerei, die hier erstmals tief ins in Leben eintauchte. Filippino Lippi vollendete 1481–83 den Zyklus, seine Partien sind gut an den feierlich antikischen Gesichtern und einem größeren Detailreichtum erkennbar.

Nun brauchen wir eine Pause und stärken uns in der Trattoria La Casalinga direkt gegenüber von Santo Spirito. Danach geht es über den Arno ins eigentliche Stadtzentrum. Unweit des Flussufers liegt Santa Trinità. Die Kirche hinter der manieristischen Fassade von 1593/94 ist gotisch und hat einiges an interessanter Ausstattung zu bieten. Für unseren Fokus ist vor allem die Kapelle wichtig, die Francesco Sassetti, Chefbankier der Medici, 1479–86 von Domenico Ghirlandaio ausmalen ließ. Ein halbes Jahrhundert nach Masaccio wirkt seine Statuarik immer noch nach, Antike und Neuzeit verschmelzen. Die sinnlichen Gesichter zeigen echte Individuen, darunter auch Zeitgenossen aus Florenz, dessen Stadtbild als Kulisse für die Vita des hl. Franziskus dient.

Die letzte Station des Tages ist der Palazzo Strozzi. Er bildet den triumphalen Abschluss der Florentiner Palastarchitektur des 15. Jahrhunderts, außen wehrhaft mit fein abgestimmten Rustikaquadern, innen ein pompejanisch leichter Arkadenhof. Hier finden spektakuläre Ausstellungen statt, derzeit eine Schau über die brodelnde Kunst im Italien der 1950er- und 1960er-Jahre. Zum Abendessen haben wir in der Trattoria Sostanza reserviert, wo die klassische, schnörkellose toskanische Küche hochgehalten wird.

2. Tag

Jetzt kommen endlich die Medici ins Spiel. Cosimo, genannt "il Vecchio" (der Alte), baute die Familienbank zum internationalen Finanzimperium aus und machte die Dynastie zur dominanten Macht in der Stadtrepublik. Als Mäzen der Künste und Wissenschaften leistete er Ungeheures; seine Nachfahren taten es ihm nach. So finanzierte Cosimo – angeblich aus schlechtem Gewissen wegen unlauterer Geldgeschäfte – den Neubau des Klosters San Marco. Vor allem für Fra Angelico pilgert man hierher. Der Malermönch stattete ab 1438 den Konvent und alle 43 Zellen seiner Klosterbrüder mit Fresken aus. In ergreifender Sparsamkeit der stilistischen Mittel verdichtete der malende Mönch Masaccios menschliche Intensität und Tiefenräumlichkeit.