Die Boulevards, ihr Beton und ihr Stau: Das ist nur ein Gesicht von Bukarest. © Horatiu Sovaiala für ZEIT ONLINE

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Ja, es ist fürchterlich leicht, diese Stadt zu hassen. Wie sie schon daliegt, von Licht geplättet, unter Kontinentalhitze erstarrt, vom Hupen taub und auch sonst ein wenig zerschlissen. Wer zum ersten Mal nach Bukarest hineinfährt, der sieht ein unordentliches Zimmer mit steroiden Irrsinnsbauten und abweisenden Wohnblöcken, verschanzt hinter Plakaten, von denen das Esperanto des Kapitalismus schreit. Am Horizont zeigt die Stadt uns ihre Plattenbausammlung.

In der Geschichte haben sich weise Rumänen ständig gefragt, warum ihre Hauptstadt ausgerechnet an diesem schlecht belüfteten Fleck gebaut werden musste, in den Sumpf und Staub der Tiefebene, in die grimmigen Winter und die ungnädigen Sommer. Selbst die Donau macht im Süden um die Stadt einen aufreizenden Bogen. Bukarest sieht man auch all die historischen Umbrüche an, all die Verletzungen, weswegen es Liebeserklärungen umso dringender nötig hat.

Um in angemessene Stimmung zu kommen, geht man am besten zu Fuß. Andere Städte sind ja ohnehin schon zu Tode flaniert. Berlin, London, Barcelona. Allein deshalb, entgegen möglicher Empfehlungen von Einheimischen: Bukarest, Flaneurshauptstadt Europas. Dies bitte schon einmal merken.

Vielleicht hatte der Dichter Tudor Arghezi nämlich recht. Er schrieb, es müsse einen unerklärlichen Zauber geben, der selbst manche Fremde dazu bringe, an dieser Stadt kleben zu bleiben. Man müsse nur eben von diesem Zauber ergriffen werden. Am besten, bevor ihm ein Geländewagen zuvorkommt, was in Bukarest mithin bedeutet, nicht bloß sein Herz aufzureißen, sondern auch seine Augen. Aktivurlauber mit frisch erwachtem Todestrieb können versuchen, den sechs- oder vielleicht hundertspurigen Bulevardul Magheru zu überqueren, ohne von neongelben Ferraris überrollt zu werden oder von verbeulten Taxis, die sarkastisch um die Kurve jagen, mit ihren Erdbeerduftbäumen und den eigenwilligen Taxametern. Falls nicht gerade alle Blech an Blech im Stau versauern, weil die Ampelphasen langsamer wechseln als die rumänischen Premierminister. 

Vor ein paar Jahren kam ein Unternehmen auf die Idee, Leihfahrradstationen aufzubauen. Auf einem Platz vor der Universität stehen seither die üblichen ästhetisch fragwürdigen silbrigen Räder wie eine verirrte Nashornherde und korrodieren stumm vor sich hin. Zu Fuß ist es sicherer. Zu Fuß verpasst man nichts. 

So schaut man sich auch ein wenig länger um und merkt nebenbei, dass Parcul schöner als Park klingt und Aeroportul schöner als Flughafen. Ohnehin kann man vor der rumänischen Sprache stehen wie ein unglücklich Verliebter, sie aus der Ferne bewundern, ohne ihr wirklich nahezukommen. Die Vokalkombinationen, die Diphtonge, Triphtonge, die sich lesen, als seien sie ein Teil allgemein weltverschönernder Zaubersprüche, obwohl sie möglicherweise bloß ein Haushaltsgerät meinen oder "Rauchen verboten". In Bukarest gibt es auch Orte, die heißen wie Schurken aus tausendseitigen Fantasy-Romanen, Izvor, Dristor, Pantelimon.

Calea Victoriei hört sich dagegen an wie ein Arkadien aus ferner Zeit, was obendrein nicht ganz falsch ist: Es ist die Prachtstraße mit bewegter Geschichte. Die Bronzebüsten vergessener Rumänen, die Reiterstandbilder, das Revolutionsdenkmal, das aussieht wie eine Grillkartoffel am Spieß, das Enescu-Haus, das Athenäum, verlassene Goldkaufhäuser, das Normaltraurige der Tagungshotels und das Niemalstraurige der Magnolien. Fast wie von selbst träumt man sich in die Villen mit ihren über die Jahrzehnte erblindeten Fenstern, in ihre Gärten, die nun unbeaufsichtigt wuchern dürfen, weil kaum einer mehr weiß, wem das alles gehört. Und hinter den Eisenzäunen sitzen manchmal Leute im Gras und trinken im Schatten ungeklärter Eigentumsverhältnisse karpatisches Wasser aus den schönsten Plastikflaschen der Welt. 

Spätestens an dieser Straße weiß man, dass sich Bukarest denselben Himmel mit dem teilt, was "altes Europa" genannt wird, über das gemeinhin meist im Modus der Vermisstenanzeige gesprochen wird. Dieser mythische Ort, der unter anderem aus Gamaschen, Taschenuhren, Monokeln, Zweispännern und von Rosen umrankten Plätzen bestanden haben muss, auf denen heiratsfähige Jünglinge einander Gedichte vorlasen oder sich bei Mondschein duellierten. Einst war der Boden mit Eichenholzbohlen beschlagen, noch bevor hier die diskret verarmten Adligen flanierten, über die der Rumäne I. L. Caragiale seine Glossen schrieb. Sie setzten sich ins Café Capșa, klopften auf den Tisch, bekamen ihren Mokka, etwas Konfekt und französelten über das Wetter. Das Capșa gibt es noch, und wie man hört, sollen die Geister der Alten dort noch immer ein und aus gehen, aber das fällt in den Bereich der Paraurbanistik.