Das australische Hinterland ist ein Ort brutaler Eintönigkeit. Wüste und Buschland, Buschland und Wüste, und dazwischen ein paar Asphaltstränge, die sich flirrend am Horizont verlieren. Nur die Termitenhügel, die mit ihren üppigen Rundungen an überdimensionale Versionen der Venus von Willendorf erinnern, sorgen anfangs für etwas Abwechslung. Doch die Ebenen sind mit den rotbraunen Lehmgöttinnen übersät – irgendwann gehen auch sie unter in der Monotonie des ewig Gleichen. Hier draußen, so heißt es, soll Australiens staubige Seele zu finden sein.

Wir sind auf dem Weg Richtung Norden, irgendwo zwischen Coral Bay und Exmouth, einem Landstrich im äußersten Westen Australiens, der vor 400 Jahren von den Holländern entdeckt und gleich wieder vergessen wurde. Hier, 1.200 Kilometer nördlich von Perth, betreiben Tim Shallcross und seine Frau Edwina, die alle nur Ed nennen, ihre Rinderfarm – 3.500 Tiere auf 100.000 Hektar. Bullara Station, von Tims Großvater vor gut 100 Jahren in den roten Sand gesetzt, ist eine nie enden wollende Plackerei.

Wie die Venus von Willendorf, nur größer © Frank Stern / ZEIT ONLINE

"There is no Sunday in the bush", sagt Edwina und wischt sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Im Outback gibt es keinen Sonntag. Doch die Mutter dreier Mädchen, die locker als Double für Schauspielerin Minnie Driver (Good Will Hunting) einspringen könnte, will es nicht anders. "Es ist ein hartes Leben", sagt sie, "aber es erfüllt einen." Selbst der Zyklon, der vor zwei Jahren über die Farm fegte und binnen Minuten zerschlug, was sie und Tim in den Jahren zuvor aufgebaut hatten, hat die beiden nicht unterkriegen können.

Um ein Gefühl für das Outback zu bekommen, haben wir zwei Nächte auf der Shallcross-Farm reserviert. Die archaische Unterkunft mit Außenklo und Eimerdusche unter den Sternen schien uns am authentischsten. Doch der Realitätscheck vor Ort entlarvt uns recht schnell als naturentwöhnte Städter. Beschämt und erleichtert entscheiden wir uns für das Upgrade in ein Zimmer mit Klimaanlage, Fernseher, Dusche und Innentoilette.

Von April bis Oktober steht Bullara Station Touristen mit einem Faible fürs Ursprüngliche offen. 30 Prozent seiner Einnahmen macht der Familienbetrieb inzwischen mit dem Reisegeschäft. Tendenz steigend. Vor allem Teilzeitnomaden mit Wohnwagen und Zelt auf dem Weg zum Ningaloo Reef, einem der letzten intakten Naturwunder der Erde, legen hier gern einen Stopp ein.

Wie das englische Rentnerpaar, das schon seit vier Monaten kreuz und quer durchs Land tourt; oder die beiden jungen Kanadier, die am liebsten Australier wären; oder John, ein ehemaliger Polizist, der nach seiner Pensionierung seine Sachen in einen Caravan packte und einfach losfuhr. Seine erste Frau ist vor Jahren gestorben, der zweiten, sagt er, wäre er am liebsten nie begegnet. "Eine lange Geschichte." Auf Bullara Station kreuzen sich Lebenslinien – für ein paar Tage, ein paar Stunden. 

Wo Frösche sind, sind Schlangen

Als die Sonne endlich an Kraft verliert, machen wir uns zu den roten Dünen auf, dem Markenzeichen der Bullara-Farm. Der mit leeren Bierflaschen markierte Buschpfad führt vorbei an ausrangiertem Farmgerät und ausgeschlachteten Autokarossen – rostige Stillleben der Vergänglichkeit. Auf dem Kamm der Dünen angekommen beginnt das Land hinter uns, in schattenloses Grau zu gleiten, während der Himmel im Westen gerade in Flammen aufgeht. Kein Windhauch ist zu spüren; der Sand unter unseren Füßen erzählt von der Hitze des Tages. Schöner ist eine Sonne nie untergegangen.

Irgendwann geht auch im Outback die Sonne unter. © Frank Stern / ZEIT ONLINE

Durch die schnell hereinbrechende Dunkelheit bahnen wir uns schließlich den Weg zurück zur Unterkunft, wo ein halbes Dutzend Frösche wartet. Nichts gegen Frösche. Sind sicher nützlich und alles. Aber in der Kloschüssel? "Welcome to Australia", lacht Macca, einer der Saisonarbeiter, als wir am nächsten Morgen von unserem amphibischen Albtraum berichten. "Übrigens, wo Frösche sind, sind Schlangen nicht weit", fügt er noch hinzu. "Schlangen mögen Frösche."

Die Wolken, die sich letzte Nacht noch vor die Sterne geschoben hatten, sind ohne ihr Versprechen einzulösen weitergezogen. Seit Monaten hat es hier nicht mehr geregnet. Doch während die Dürre das Land fest im Griff hält, explodiert vor der Haustür das Leben. Nicht weit von Bullara entfernt zieht sich mit dem Ningaloo Reef eines der artenreichsten und mit rund 300 Kilometern längsten Saumriffe der Welt an Australiens Westküste entlang, seit 2011 ist es Weltnaturerbe. Nur wenige Korallenriffe verlaufen so nah am Festland, an manchen Orten, wie in Coral Bay, schwebt man schon nach wenigen Metern über der buntesten Unterwasserkulisse – und, wenn man Pech hat, in Lebensgefahr.