Das Komische zuerst: Kein Wiener wird dem Urteil des britischen Magazins The Economist zustimmen. Stattdessen werden sie anfangen, zu schimpfen beziehungsweise zu granteln. Die Jüngeren über überfüllte Hörsäle, woran nicht zuletzt die Deutschen schuld sind, weil es für Medizin und Psychologie in Österreich keinen Notendurchschnitt von einskommairgendwas braucht. Über U-Bahnen, die während der Woche nur bis kurz nach Mitternacht fahren, und Clubs, die spätestens um sieben Uhr früh schließen. Die etwas Älteren über die unzumutbare Parksituation und Politessen, die alle 15 Minuten das Parkpickerl kontrollieren. Die noch Älteren über Hundekot an jeder Ecke, dabei stehen in ihrer Stadt so viele Mülleimer wie nirgendwo sonst (dazu später mehr). Überhaupt die allgemeine Verrohung und die komischen Sachen, die sie neuerdings im Burgtheater spielen!

Der Wiener ist seinem Wesen nach skeptisch, man könnte auch sagen bescheiden, vor allem, wenn es um seine eigene Stadt geht. Es gilt der Leitspruch: "Wien ist die schlimmste Stadt der Welt. Aber überall sonst ist es noch schlimmer." Mit angeborener Souveränität blendet die Wienerin sämtliche Vorzüge ihrer Heimatstadt aus. Zuallererst ihre Schönheit, die einen in melancholischen Momenten (die kommen nach dem dritten Achtel Wein ganz von selbst) beinahe erschlägt. Der komplette erste Bezirk ist eine einzige Sissi-Franzl-küss-die-Hand-Kulisse, mit Pferden, die wundersamerweise kaum koten, und einer H&M-Filiale, die aussieht wie eine Jugendstilvilla. Manche Institute der Universität sind in holzvertäfelten Ballsälen untergebracht.

Es geht sich eh aus

Wer eine Pause braucht vom ästhetischen Overkill, fährt in den zehnten Bezirk mit dem herrlichen Namen Favoriten, bestaunt eine friedliche Koexistenz verschiedenster Nationalitäten und isst Eismarillenknödel bei Tichy. Hip geht es im siebten Bezirk, Beiname Bobohausen, zu, mit Sourdough Pizza, Third Wave Coffee und dem besten veganen Eis der Stadt. Zugegeben, es ist nicht ganz so hip wie Berlin oder New York – Trends erreichen Wien mit durchschnittlich zwei Jahren Verspätung –, aber das ist nur ein Problem, wenn man es eilig hat. In Wien hat es keiner eilig. Brave Bürger sitzen am helllichten Tag im Kaffeehaus und zwar ohne Laptop, weil es meistens eh kein WLAN gibt. Dort lesen sie Zeitung und informieren sich über das umfangreiche Kulturprogramm. Im Burgtheater haben sie so viel Geld, dass 100 goldene Schwäne auf der Bühne stehen, wenn es dem Regisseur beliebt, weil sie wissen: Es geht sich eh aus. Experimenteller geht es im Brut oder Schauspielhaus zu; nackt sind die Schauspieler überall mal. Allein im Museumsquartier, liebevoll MQ genannt, gibt es drei verschiedene Museen, davon zwei zeitgenössische, weil auch hier die Zeit nicht stehen bleibt.

Dass Wien teuer sei, ist ein Gerücht

Und wenn es mal schlecht läuft, gibt es immer noch Marillenknödel. © Jacek Dylag/Unsplash

Wien zählt 19.000 Mülleimer, die hier Mistkübel heißen, jedes Jahr kommen rund 1.000 dazu. Hamburg hat bei gleicher Größe weniger als die Hälfte. Rund um die Uhr nimmt das sogenannte Misttelefon Beschwerden über herrenlose Kühlschränke oder mit Gras zugewachsene Bürgersteigritzen entgegen. Folglich ist alles sehr sauber. Überall riecht es nach Mehlspeisen, sogar im U-Bahn-Schacht. Diese U-Bahnen fahren teilweise im Dreiminutentakt, sind entsprechend leer, ohne Kaugummis auf den Plastikschalsitzen. Aufzüge und Rolltreppen funktionieren tadellos, wenn nicht, versichern große Schilder ihr Bedauern. Zurück zu den Mehlspeisen: Wer Salonbeuschel und Lungenstrudel nichts abgewinnen kann (in Sachen restlose Verwertung des Tieres ist die Stadt ausnahmsweise Trendsetter), isst sich an Nachspeisen satt. Germknödel, Buchteln, Millirahmstrudel, Powidltaschen und die Anna-Torte im Café Demel. Alkohol ist ein Kulturgut. Der ehemalige Bürgermeister Michael Häupl empfiehlt ihn ganz unironisch als Mittel gegen heiße Sommertage.

Mit FM4 hat Wien außerdem den coolsten Radiosender der Welt. Kein Wunder, kommen aktuell einige der spannendsten Musiker (Wanda, Bilderbuch, Yung Hurn, Crack Ignaz, überhaupt der Wiener Cloud Rap) von dort. Mit Glück trifft man den Nino aus Wien nachts in einem jener Beisl, über die er singt. Ausgehen kann man nämlich auch ganz vorzüglich. Abgesehen von besagten Beisln, runzeligen Eckkneipen, an denen das Rauchverbot vorübergegangen ist, zum Beispiel in piekfeinen Bars, wo der halbe Liter Ottakringer aber auch nicht mehr kostet als in anderen Metropolen. Dass Wien teuer sei, ist ein Gerücht.

Über die Schönheit der von Hundertwasser gestalteten Müllverbrennungsanlage in Spittelau lässt sich trefflich streiten. Über die derzeitige politische Situation leider nicht. Gar nicht schön so ein Kanzler, der geschlossene Grenzen lieber mag als offene, und eine Regierung, die liberale Tendenzen unterbinden will – unter anderem das wilde Treiben im "Jugendsender" FM4. Unschön auch der verdrehte Heimatbegriff eines Andreas Gabalier, der stramme Männerwaden und Dirndl-Frauen am Herd propagiert. Zumindest gewöhnungsbedürftig ist, dass man selbst bei kleinen Regelübertritten zurechtgewiesen wird, auch wenn man nur mal kurz mit dem Fahrrad über den Bürgersteig huscht. Andererseits hält einem beim Einkaufen immer jemand die Tür auf und keiner meckert, wenn die alte Dame an der Kasse nach Kleingeld sucht. Das wahrscheinlich Schönste: In Wien meinen es die Menschen eigentlich immer ernst, sogar bei Tinder. Und in all ihrem Granteln und Kauzigsein – der musikalische Shootingstar Voodoo Jürgens war früher mal Bestatter – sind sie neugierig und herzlich und wahrscheinlich, wenn auch heimlich, stolz darauf, dass ihre Stadt jetzt endlich zur lebenswertesten der Welt gewählt wurde. Weil sie eh wissen: völlig zu Recht.