Und wenn es mal schlecht läuft, gibt es immer noch Marillenknödel. © Jacek Dylag/Unsplash

Wien zählt 19.000 Mülleimer, die hier Mistkübel heißen, jedes Jahr kommen rund 1.000 dazu. Hamburg hat bei gleicher Größe weniger als die Hälfte. Rund um die Uhr nimmt das sogenannte Misttelefon Beschwerden über herrenlose Kühlschränke oder mit Gras zugewachsene Bürgersteigritzen entgegen. Folglich ist alles sehr sauber. Überall riecht es nach Mehlspeisen, sogar im U-Bahn-Schacht. Diese U-Bahnen fahren teilweise im Dreiminutentakt, sind entsprechend leer, ohne Kaugummis auf den Plastikschalsitzen. Aufzüge und Rolltreppen funktionieren tadellos, wenn nicht, versichern große Schilder ihr Bedauern. Zurück zu den Mehlspeisen: Wer Salonbeuschel und Lungenstrudel nichts abgewinnen kann (in Sachen restlose Verwertung des Tieres ist die Stadt ausnahmsweise Trendsetter), isst sich an Nachspeisen satt. Germknödel, Buchteln, Millirahmstrudel, Powidltaschen und die Anna-Torte im Café Demel. Alkohol ist ein Kulturgut. Der ehemalige Bürgermeister Michael Häupl empfiehlt ihn ganz unironisch als Mittel gegen heiße Sommertage.

Mit FM4 hat Wien außerdem den coolsten Radiosender der Welt. Kein Wunder, kommen aktuell einige der spannendsten Musiker (Wanda, Bilderbuch, Yung Hurn, Crack Ignaz, überhaupt der Wiener Cloud Rap) von dort. Mit Glück trifft man den Nino aus Wien nachts in einem jener Beisl, über die er singt. Ausgehen kann man nämlich auch ganz vorzüglich. Abgesehen von besagten Beisln, runzeligen Eckkneipen, an denen das Rauchverbot vorübergegangen ist, zum Beispiel in piekfeinen Bars, wo der halbe Liter Ottakringer aber auch nicht mehr kostet als in anderen Metropolen. Dass Wien teuer sei, ist ein Gerücht.

Über die Schönheit der von Hundertwasser gestalteten Müllverbrennungsanlage in Spittelau lässt sich trefflich streiten. Über die derzeitige politische Situation leider nicht. Gar nicht schön so ein Kanzler, der geschlossene Grenzen lieber mag als offene, und eine Regierung, die liberale Tendenzen unterbinden will – unter anderem das wilde Treiben im "Jugendsender" FM4. Unschön auch der verdrehte Heimatbegriff eines Andreas Gabalier, der stramme Männerwaden und Dirndl-Frauen am Herd propagiert. Zumindest gewöhnungsbedürftig ist, dass man selbst bei kleinen Regelübertritten zurechtgewiesen wird, auch wenn man nur mal kurz mit dem Fahrrad über den Bürgersteig huscht. Andererseits hält einem beim Einkaufen immer jemand die Tür auf und keiner meckert, wenn die alte Dame an der Kasse nach Kleingeld sucht. Das wahrscheinlich Schönste: In Wien meinen es die Menschen eigentlich immer ernst, sogar bei Tinder. Und in all ihrem Granteln und Kauzigsein – der musikalische Shootingstar Voodoo Jürgens war früher mal Bestatter – sind sie neugierig und herzlich und wahrscheinlich, wenn auch heimlich, stolz darauf, dass ihre Stadt jetzt endlich zur lebenswertesten der Welt gewählt wurde. Weil sie eh wissen: völlig zu Recht.