Wer mit dem Flieger nach Barcelona reist, sieht bei gutem Wetter die Costa Brava, wie sie sich mal hinabschmiegt, mal hineinfräst ins Meer. Eine gute Viertelstunde vor der Landung auf dem Flughafen El Prat lässt sich mit etwas Glück sogar Cadaqués in einer verwinkelten Bucht ausmachen, hingelegt zwischen die aschgrauen Felsen und staubbraunen Flecken wie glänzend weißer Kies. Daumenbreit davon entfernt liegt das viel größere Roses in einer ausgreifenden, ovalen Bucht. Selbst bei einer Flughöhe von 1.000 Metern sticht einem der Bausündenhorror ins Auge – so hässlich, dass man aus Ratlosigkeit fast gewillt ist, diesen Serviceknopf zu drücken.

Aber schon steht die Landung an, schon ist man unterwegs in das katalanische Städtchen Cadaqués. Am Ende der etwa zweieinhalbstündigen Autofahrt geht einem ein erster Vorteil von Cadaqués auf: eine etwa 14 Kilometer lange Gebirgsstraße, eng, verschlungen und ohne viele Überholmöglichkeiten. Mal eben fahren hier keine Buskolonnen voller Schaulustiger vor. An kargen Feldern und felsigen Abhängen führt die Serpentinenstraße entlang. Die berüchtigte Windströmung Tramontana, die oftmals über die Gegend hinwegfegt, hat diesen öden Fleck für sich in Anspruch genommen.

Umso stärker ist der Effekt, wenn der Blick sich hangabwärts öffnet und die ersten Häuser von Cadaqués in Sicht kommen. Schnell fallen einem alle möglichen Werbeidiotien ein: ein Lichterlebnis, eine weiß gekalkte Lagune, eine Oase, eingefasst zwischen dem Blau des Himmels und dem Blau des Meeres. Lauter Katalogplattitüden, die mit jedem zurückgelegten Kilometer weniger flach klingen, um schließlich der Erkenntnis zu weichen: Hier zeigt sich etwas, das mehr ist als Floskel und Postkartenmotiv. Nach der Einfahrt gelangt man schnell am Hauptplatz an, der Plaҫa de Passeig, mit seinem Schieferbelag, den historischen Häusern und Caféterrassen. Zum Steinstrand sind es nicht einmal 20 Meter. Und auf die kurzatmige Übelkeit nach all den Serpentinen folgt ein langes Ausatmen. 

Paella und Calamares

Auf den papiernen Tellerunterlegern eines Restaurants am Platz ist ein Foto abgedruckt, das den Plaҫa zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigt: Auf staubigem Untergrund stehen und sitzen unscharfe Gestalten in Grau herum, mehr Schatten als Körper. Sie wirken, als wären sie aus Michael Hanekes Film Das weiße Band entlaufen. Die Fensterläden der Häuser sind geschlossen, im Hintergrund ist eine einzige Autowerkstatt auszumachen, kurzum: Es herrscht die Trostlosigkeit eines armen Fischerdorfes. Wie so viele europäische Küstendörfer hat Cadaqués eine typische Entwicklung hinter sich. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts wurde der Ort touristisch entdeckt, allmählich etablierte er sich als Reisedestination, wirtschaftlich adaptierte man sich an die neuen Begebenheiten. Heute verdankt der Ort seine Vitalität hauptsächlich diesem Status als touristischer Magnet.

Die Dächer von Cadaqués © Samuel Hamen

Ein wenig interessiert, ein wenig desorientiert trotten jene, die am frühen Mittag mit einer der zwei kleinen Fähren angelegt haben, über den Plaҫa de Passeig. Sie biegen in die engen Gassen ab, marschieren an den Fassadenblumen und Blätterranken entlang, hinauf zur Kirche Santa Maria, die die städtische Silhouette dominiert. Aber schnell kehren sie zum Mittagessen in einer der Touristenfallen ein, die es auch hier geben muss. Mit einem bemerkenswert antigastronomischen Gespür lassen sie dabei die guten, nicht viel teureren Restaurants links liegen, darunter das Es Baluard inklusive fantastischer Paella und großer Weinauswahl aus der nahe gelegenen Anbaugegend Empordà. Auch das familiengeführte Can Tito, das ein wenig versteckt in einer Steilstraße hinter dem Touristenbüro liegt, wird gnadenlos außer Acht gelassen. Hier verpasst man einen wunderschönen gewölbten Speiseraum sowie die besten Wolfsbarsche und calamares à la plancha in ganz Cadaqués.

Abends, wenn die Fährgängerinnen und Tagestouristen längst abgefahren sind, kehrt dann Ruhe ein, auch auf der Terrasse der Bar Maritim. Während der Saxophonist sich in der benachbarten Bar Boia abmüht und seinen Rücken gefährlich weit durchbiegt, wird für die Deutschen am Nachbartisch der ganze Kontinent Europa zum Buffet: Und wenn wir etwas in Kroatien kaufen? "Nee, das war zu felsig für die Fahrradtouren." Toskana? "Da fanden es die Jungs zu heiß und stickig." Und hier? Da schweigen und schwelgen beide plötzlich, der Mann in seiner spinatgrünen Dreiviertelhose, die Frau in ihrem Gewand in der Farbe verbrannter Butter. Sie schauen hinaus, links ist der Cucurucuc zu sehen, ein markanter Fels, der stolz aus dem Wasser ragt, rechts der Leuchtturm Cala Nans, der von den Einheimischen cebolla, die Zwiebel, genannt wird. Ja, das sei doch was, sieht man die beiden beschwingt denken, hier ließe es sich leben, bevor sie wieder an ihren Gin Tonics nippen, unerschüttert in ihrem Glauben, immer überall willkommen zu sein.

Den Zitatcharakter managen

Denn natürlich ist Cadaqués auch das: ein Ferienort für Wohlhabende. Die leinengekleideten älteren Menschen kann man erst dann Nationalitäten zuordnen, wenn sie im Presseshop wahlweise El País, die FAZ, The Guardian oder Le Monde kaufen. Am Wochenende fahren die Haus- und Wohnungsbesitzer aus dem Umland ein. Nur ab und zu steigen vom Campingplatz oben auf einem der Seitenhügel, die die Stadt einkesseln, deutsche Jugendcliquen hinab. Gut möglich, dass sie vom 100 Kilometer entfernten Lloret de Mar angereist sind, um sich von den dortigen Eskapaden zu erholen. Die Grenze zu Frankreich ist nicht einmal 40 Kilometer entfernt und tut ihr Übriges: Besonders im Juli und August ist die Stadt sehr voll.