1. Tag

Das Entree von Erfurt ist der Domplatz, ein beeindruckender Start für unsere Thüringen-­Reise. Wie zwei göttliche Wolken­kratzer erheben sich hier der Mariendom (1154–1465) und die fünfschiffige Severi­kirche (1280–1400) und machen klar, wer im Mittelalter das Sagen hatte. Ein Anblick, bei dem man in die Knie geht. Doch vor den Kulturgenuss ist ehrfurchtsvolles Aufsteigen gesetzt: Eine 70-stufige Freitreppe muss der Besucher hoch, bevor er durch das Triangelportal treten kann. Die Preziosen zeigen die Schönheit des Mittelalters, etwa den berühmten Leuchterträger "Wolfram" von 1160, das Chorgestühl, die Farbglasfenster und den Katharinenaltar, den Lucas Cranach d. Ä. 1520 schuf.

Beim Schlendern durch die alte Residenzstadt fallen die prächtigen Patrizierhäuser mit hübschen Namen wie Zur hohen Lilie, Sonnenborn oder Zum breiten Herd auf. Sie erzählen vom Aufstieg reicher Bürger im 16. Jahrhundert. Auch Zum roten Ochsen am Fischmarkt gehört in diese Riege, es beherbergt die Kunsthalle Erfurt, die im vergangenen Jahr nach Sanierung wiedereröffnet hat. Ohne eigene Sammlung setzt sie auf wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Künstler, bis 13. Januar widmet man sich dem Fotografen Sebastian Pütz.

Am neogotischen Rathaus vorbei führt ein Abstecher ins Angermuseum. Ende des 19. Jahrhunderts zog das Kunstmuseum in die alte Stadtwaage von 1711, das mit einem vor der nationalsozialistischen Verfemung und Zerstörungswut geretteten Raum aufwartet, den Ernst Heckel 1922–24 mit Seccomalereien versah. Herzstück der Sammlung sind die Landschaftsgemälde des Erfurters Friedrich Nerly, breit ist auch der Bestand an Werken der klassischen Moderne und der DDR-Kunst.

Blick auf den Dom St. Marien und die Severikirche in Erfurt © Marco Fischer/Thüringer Tourismus GmbH

Nahebei befindet sich die Krämerbrücke von 1325, ein Erfurter Wahrzeichen. Wie Schwalbennester kleben auf ihr restaurierte Fachwerkhäuser mit Läden und Cafés. Dicht an dicht, sodass der Fluss Gera kaum mehr zu sehen ist. Erst unten an der Furt gibt sich die Brücke zu erkennen. Längst ist ein Happen zwischendurch fällig, für den sich das Bistro Mundlandung anbietet.

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst Heft Nr. 150/2018 © Weltkunst Verlag

Im Mittelalter galt Erfurt als das "Rom Deutschlands". Noch heute zählt es 27 Kirchen, Kapellen und Klöster. Ein Muss ist das Augustinerkloster, in dem Martin Luther von 1505–1511 als Mönch lebte. Alte Steine bergen Geschichten, die Jahrhunderte später oft nur zufällig ans Tageslicht gelangen. Wie die Alte Synagoge aus dem 11. Jahrhundert, die erst in ein Lagerhaus, dann in ein Gasthaus bis zur Unkenntlichkeit umgebaut wurde – ihre Rettung vor den Nazis, die im Tanzsaal feierten. 1992 wurde der religiöse Ort wiederentdeckt, 2009 das Museum eröffnet. Im Keller ist der bei Bauarbeiten zufällig gefundene Hochzeitsschatz (um 1349) ausgestellt: 28 Kilogramm Gold und Silber, feiner Schmuck in gotischer Goldschmiedekunst.

Der Weg zurück zum Domplatz führt in die jüngste Vergangenheit. Die Gedenkstätte Andreasstraße, das einstige Gefängnis der Staatssicherheit, setzt sich auf drei Etagen mit Haft, Diktatur und Revolution auseinander und ist für die Erfurter ein Ort der Befreiung. Die Zellen von einst sind Er­innerungsräume, in denen DDR-Schicksale sehr persönlich audiovisuell vermittelt werden. Eine Auswahl zur Propagandamalerei und Untergrundkunst gehört dazu. Am Abend im Restaurant Ballenberger lassen wir die Eindrücke Revue passieren.