Die Fenster der Rosa Suite sind hoch wie Kirchenfenster. In den Fenstern der Himmel. Und unten das Meer. Als würde der Blick nicht schon genügen, führt die Natur da draußen jetzt noch ein Schauspiel auf. Es wetterleuchtet über der Amalfiküste. Die ­Olivenbäume fuchteln mit ihren silbrigen Zweigen. Ein doppelter Regenbogen spannt sich über den schwarzblauen Himmel und versinkt im aufgewühlten Meer. Dort, am Ende des Regenbogens, soll der Topf mit dem Gold sein.

Schon die Fahrt ins Monastero Santa Rosa ist grandios. Von der zersiedelten Vorhölle Neapels vorbei am Vesuv geht es über Serpentinen durch die Berge. Die Dörfer klettern senkrecht die Hänge hinauf. Dazwischen Felder mit Weinstöcken, Zitronenbäumen, Mais. "Campania felix" hat Plinius der Ältere diesen Landstrich genannt. Dramatisch ist er, romantisch wie aus dem Bilderbuch. Man kann den Sentiero degli Dei, den Götterweg, entlanglaufen. Oder von Positano nach Salerno auf der Amalfitana fahren, eine der schönsten Küstenstraßen der Welt. Hier ist mehr als alles, schrieb Goethe, der mit seinen Reiseschilderungen das bis heute nachwirkende Idealbild Italiens schuf. Nach ihm kamen Ibsen, Wagner, Benjamin und all die anderen Künstler und Bildungsbürger, deren nordische Sehnsucht nach Sonne, Natur und Kultur hier ihre Erfüllung fand.

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst Heft Nr. 01/2019.

Und heute? Falls man in das weltweite Netz will: Das Passwort heißt simplicity. Man will aber nicht. Man will auf der Sunset-Terrasse liegen. Am Infinity-Pool über den Wasserrand ins Blaue schauen. Im terrassenförmig angelegten Paradiesgarten liegen. Den Duft von Bougainvilléen und Zitronen einatmen. Überall finden sich abgeschiedene Ecken, wo man die Sinne aufspannen kann, schauen, riechen, lauschen. Dem Plätschern der Brunnen. Dem Glockenläuten aus dem benachbarten Fischerdorf. Das es an dieser Luxusküste wirklich noch gibt. Ab und an ist das helle Bimmeln einer Glocke zu hören. Ein neuer Gast ist gekommen. Ein Novize, der schon in wenigen Stunden genauso entspannt und gelassen sein wird, wie man es inzwischen selbst ist.

Entdeckt hat Bianca Sharma das ehemalige Kloster vom Boot aus. Wie ein riesiges steinernes Vogelnest hing es in den Felsen. Die Amerikanerin rief ihren Finanzberater zu Hause in Texas an. Mach es nicht, sagte der Berater. Die Millionenerbin kaufte trotzdem das verfallene Gebäude aus dem 17. Jahrhundert, das in den 1970er-Jahren schon einmal einen kurzen Frühling als Hotel mit Gästen wie Jackie Kennedy erlebt hatte.

Bianca Sharma ist von Positano herübergekommen, sie hat ein Feriendomizil in dem schicken Küstenstädtchen. "Mein Mann war gestorben. Und ich das erste Mal in meinem Leben alleine verreist. Ich wusste nicht mal, wie man in einem Hotel eincheckt. Jetzt war ich plötzlich Hotelbesitzerin." Elf Jahre hat sie nichts anderes gemacht, als diesen Ort neu zu erschaffen. "Wir Amerikaner haben kein Verhältnis zur Geschichte. Ich wollte, dass man weiter den Geist des Ortes spürt. Seine ursprüngliche Spiritualität." Die Mauern ließ sie mit dem Kalkstein ausbessern, den die Baumeister schon im 17. Jahrhundert verwendet hatten. Sie fuhr kreuz und quer durchs Land, stieg in neapolitanische Keller, kaufte Möbel, die einmal in Palazzi standen. Groß, dunkel, schwer. In den langen, gewölbeartigen Hotelgängen hängen keine Nummern, sondern Emailleschilder an den Zimmertüren. "Melissa" oder "Primula" steht darauf, Namen von Pflanzen, die die Nonnen als Apothekerinnen ihrer Zeit im Klostergarten züchteten.