"Good morning, dear. How is your day coming along?" Die grauhaarige Frau hinter der Kuchentheke strahlt und neigt den Kopf zur Seite. Ich strahle zurück und sage, dass mein Tag jetzt so richtig gut sei, wo Pancakes und Kaffee warten. Und gleich darauf frage ich, wie denn ihr Tag bisher verlaufen sei, der Tag dieser Kuchenverkäuferin aus Calgary in der Provinz Alberta, die ich erst seit vorgestern kenne. Und kennen stimmt auch gar nicht, ich weiß nicht einmal wie sie heißt. Aber sie hat mir drei Mal das Frühstück gebracht, ohne den Kaffee zu berechnen. Nun klatscht sie in die Hände: "I am fantastic, my dear, Thank you!"

Sie zeigt auf einen leeren Tisch am Fenster und sagt, mein Lieblingsplatz sei frei. Ich schäle mich aus meiner Daunenrüstung, die ich gegen den kanadischen Winter angelegt habe. Und da ist es wieder, dieses warme Gefühl in meiner Brust, und es hat nicht nur mit der Temperatur im Café zu tun. Ein Gefühl, als wäre mein Herz ein Pfannkuchen und als hätte diese herzlichste aller Kuchenverkäuferinnen warmen Ahornsirup darüber gegossen.

Genau diesem Gefühl bin ich auf der Spur während meiner Reise durch Kanada, ich will die Canadian niceness ergründen. Das Land habe von der natürlichen Ressource Freundlichkeit so viel wie Saudi-Arabien Öl, schrieb der US-amerikanische Journalist Eric Weiner. In Berlin, wo ich lebe, vermisse ich Freundlichkeit dagegen fast jeden Tag. Gerade musste ich den dritten Fahrraddiebstahl innerhalb von drei Jahren hinnehmen. Auf der Straße werde ich regelmäßig von fremden Menschen angeschrien. Zuletzt beschimpfte mich ein Mann als eingebildete Schlampe, ein anderer spuckte in der U-Bahn auf den Sitz neben mir. Und vor ein paar Wochen riss ein älterer Herr direkt vor meinem Haus eine Frau an ihrem Schal vom Fahrrad, weil sie ohne Licht fuhr. Ignoriert zu werden, ist wohl das Beste, was einem in Berlin passieren kann.  

Kanada, das ergibt eine kurze Recherche im Netz, scheint das genaue Gegenteil zu sein. Es wimmelt nur so von Nationalmythen, die stets zu schön sind, um ganz wahr zu sein. Ich lese Zeitungsberichte über Einbrecher und Autoknacker, die ihr Diebesgut zurückbringen, inklusive Entschuldigungsnotiz oder monetärer Wiedergutmachung. Selbst die potenziellen Opfer bleiben freundlich: "Bitte seien sie ein verantwortungsvoller Dieb!", steht auf einem Schild neben einem Rhabarberfeld, auf dem darum gebeten wird, die Pflanze, wenn man sie schon stehle, samt Stil auszureißen, damit sie richtig nachwachsen kann. 

Im Flugzeug nach Toronto werde ich das erste Mal Zeugin eines landesüblichen Rituals, vielleicht sogar der kanadischen Kulturtechnik schlechthin: wortreiches Entschuldigen. Jeder entschuldigt sich hier für alles. Die Stewardess von Air Canada, wenn sie einen im Vorbeigehen streift. Der Sitznachbar, wenn er seinen Arm auf die Armlehne legt und so weiter. Schon nach wenigen Tagen spiele ich das "Sorry! No – I’m sorry!"-Spiel mit Begeisterung. Auf dem Gehweg, im Supermarkt, auf dem Parkplatz, in der Schlange. Entschuldigen geht immer.

Ein "Sorry" ist die kanadische Art, die Existenz des Gegenübers und damit die Co-Existenz auf der Welt anzuerkennen. Ist ein Bus in Toronto gerade nicht im Einsatz, steht auf der Anzeigetafel nicht nur das, sondern auch "Sorry" und "Have a nice day". Selbst viele Verbotsschilder sind mit einem "Sorry" versehen. Ist das nicht wahnsinnig nett?

Die Kreislaufwirtschaft der Freundlichkeit

Autohupen wird in Kanada als unhöflich angesehen, genauso wie Hinweise auf persönliche Befindlichkeiten: Kanadier schimpfen nicht lautstark vor sich hin oder belehren sich gegenseitig darüber, wie das Parkticket zu lösen ist oder die Einkaufskörbe zu stapeln sind. Treffen sie sich zum politischen Protest, tragen sie Schilder, auf denen steht: "I am a little upset" oder "Sorry for Racism". Natürlich wird mit dieser Defensivität auch kokettiert.

Meine Freundin Caryn, die ich in Toronto besuche, ist mit Abstand der freundlichste Mensch, den ich je getroffen habe. Gemeinsam erkunden wir Kensington, ein kleines Carré aus asiatischen Supermärkten, New-Age-Läden und veganen Cafés. Während wir uns durch Trödel wühlen und mottenzerfressene Eishockey-Trikots anprobieren, sagt Caryn, dass die langen und harten Winter eine Ursache für die Freundlichkeit sein könnten. Die unwirtliche Jahreszeit mache die Menschen abhängig voneinander. Das Wetter stärke den Zusammenhalt. Dazu kämen die reichen Rohstoffvorkommen, um die man sich nicht streiten müsse und das weltoffene Selbstverständnis einer Einwanderungsnation. Die liberale Politik, Bildungschancen und Krankenversicherung für alle täten ihr übriges.

Schon in der Schule habe ihnen ein Lehrer geraten, eine kanadische Flagge am Gepäck anzunähen, wenn sie ins Ausland reisten, erzählt Caryn. "Wir würden freundlicher behandelt, wenn man uns als Kanadier und nicht als US-Amerikaner erkennt." Die Freundlichkeit sei aber auch eine Art vorauseilender Gehorsam der Kanadier: "Wir hassen es, andere zu enttäuschen. Und wir wissen, dass die Welt uns als die Netten aus dem Norden wahrnimmt." Also versuchen alle, dem Ruf gerecht zu werden, es entsteht eine Art Kreislaufwirtschaft der Freundlichkeit.

Die Netten aus dem Norden übertrieben es gewaltig und prahlten geradezu mit ihrem Minderwertigkeitskomplex, meint dagegen der kanadische Autor William Ferguson. Ständig versicherten sie sich gegenseitig, wie freundlich sie doch seien, schreibt er in Why I Hate Canadians. Das Buch war übrigens ein Bestseller in Kanada.