Drei Tage an der Ostsee – Seite 1

1. Tag

Rostock ist eine Hanse- und Hafenstadt mit langer Geschichte. Um ihre Kunstschätze und Denkmäler zu erkunden, ist das Rathaus am Neuen Markt ein idealer Start. Am zauberhaften Palast in Rosé versteht man sofort: Nicht Fürsten oder Bischöfe hatten einst das Sagen, sondern reiche Bürger. Der barocke Schmuckvorbau strotzt vor Standesbewusstsein. Dahinter ragen, nicht minder prächtig, die sieben Türmchen der Backsteinfassade von 1270 auf.

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst Heft Nr. 157/2019

Hinter dem Rathaus, so heißt die Straße wirklich, protzt das spätgotische Kerkhoffhaus mit einem siebenachsigen Staffelgiebel, mit dem der Ratsherr seinen Rang 1470 untermauerte. Über den Giebelhäusern am Markt erhebt sich Rostocks monumentalster Kirchenbau: St. Marien. In der dreischiffigen Basilika des späten 13. Jahrhunderts wird mit Raum gewuchert, der Weg zum Himmel von einem Sternengewölbe abgeschlossen. Aus der Gotik stammt die hohe, von vier knieenden Figuren gestützte Bronzetaufe – die wohl kunstvollste im Ostseeraum. Barock ausgestaltet sind der Hauptaltar, die Kanzel und die Orgel von Paul Schmidt. Das aufregendste Detail befindet sich hinter dem Rochus-Altar: die astronomische Uhr von 1472.

Die reichen Hansekaufleute finanzierten den Bau von St. Marien wie auch St. Petri oder St. Nikolai. Backsteine für die Ewigkeit, und seit einer Ewigkeit stehen sie da – mehr als 700 Jahre. Die Kröpeliner Straße hinter der Marienkirche ist eine übliche Fußgängerzone, wären da nicht die imposanten, restaurierten Giebelhäuser. Wir flanieren zum Universitätsplatz, dem Mittelpunkt der städtischen Nervenader. Wer jetzt Appetit verspürt, bekommt im Bistro Portola frisch zubereitete Pasta.

Es geht zurück in die Einkaufsstraße und zum Brunnen der Lebensfreude, den Reinhard Dietrich und Jo Jastram 1980 schufen. An dem Wasserspiel mit den lebensgroßen Bronzefiguren amüsieren sich tatsächlich Groß und Klein. Den Platz rahmen das Herzogliche Palais von 1714, ein Zeichen der Schweriner Fürstenmacht, und das Hauptgebäude der Universität. Auf der Höhe ihrer Macht riefen die Patrizier vor 600 Jahren Nordeuropas erste Alma Mater ins Leben.

Betritt man den Hof des weitgehend erhaltenen Klosters zum Heiligen Kreuz von 1270 fühlt sich der Besucher ins Mittelalter versetzt. In den Klausurräumen logiert das Kulturhistorische Museum. Seine Sammlung umfasst Werke vom Mittelalter bis in die 1960er-Jahre. Die Gemäldegalerie bietet niederländische Malerei, darunter Rachel Ruysch und Jan Brueghel d. ., Stadtansichten, etwa von Egon Tschirch, sowie die in der NS-Zeit als "entartet" verfemte Kunst der Moderne von Oskar Schlemmer, Rudolf Belling, Alexej von Jawlensky oder Christian Rohlfs. Der Rundgang endet mit Werken der Künstlerkolonien Ahrenshoop und Schwaan: mit Paul Müller-Kaempff, Alfred Partikel, Elisabeth von Eicken und Dora Koch-Stetter einerseits und Carl Malchin, Rudolf Bartels und Franz Bunke andererseits. Zum 600. Jubiläum der Universität Rostock präsentiert das Haus zudem ab 20. Juni die Schau "Menschen – Wissen – Lebenswege".

Auf dem Weg nach Warnemünde muss man wegen der sehr guten DDR- und Gegenwartskunst noch einen Stopp bei der Kunsthalle Rostock einlegen. Im Schaudepot des nagelneuen Anbaus sind derzeit zum 50-jährigen Bestehen der Kunsthalle Höhepunkte der Sammlung zu sehen. Im Altbau wird sich vom 1. Juni. bis 13. Oktober die Schau "Palast der Republik" mit Kunst, Dekor und Design des kontrovers diskutierten "Palazzo Prozzo" in Ostberlin auseinandersetzen.

Am Strom Nr. 53 liegt das Edvard-Munch-Haus

In Warnemünde haben an der Kaimauer Kutter dauerhaft festgemacht, die für den kleinen Hunger Fischbrötchen auf die Hand verkaufen. Kapitänshäuser sorgen für maritimes Flair. Dazwischen liegt am Strom Nr. 53 das Edvard-Munch-Haus. Der Expressionist wohnte hier 1907 bis 1908 und erlebte in den 18 Monaten eine enorme Schaffensperiode, wie eine Dokumentation belegt.

Weiter in Richtung Hafeneinfahrt ragt der Leuchtturm von 1898 auf, das Wahrzeichen von Warnemünde. Das Seefahrerlicht geht mit dem muschelförmigen Gebilde namens Teepott aus dem Jahr 1968 daneben eine ungewöhnliche bauliche Synthese ein. Mit kulinarischen Höhepunkten im Sternerestaurant Der Butt am Jachthafen endet ein ereignisreicher Tag.

2. Tag

Kommt die Turmspitze der Wustrower Kirche ins Bild, bedeutet das Ankunft auf einem Sehnsuchtsflecken. Fischland-Darß-Zingst, so heißt er, ist eine 45 Kilometer lange, leicht gebogene Landzunge. Der hohe Ausguck dankt das Erklimmen mit einem aufregenden Panoramablick über die Lagunenwelt: Der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft schützt Salzwiesen, Priele und Seen bis zum offenen Meer. Bizarre Kiefern markieren den Strand. Kraniche, Säbelschnäbler und Seeadler kommen in Scharen wie auch Künstler und Zivilisationsflüchtlinge.

Und dann Ahrenshoop, ein Dorf wie gemalt. Reetdachhäuser ducken sich zwischen Wiesen und Wegen, von Sturm und Sonne gezeichnete Dünen trumpfen vor Meereswellen auf. Eine inspirierende Landschaft, die Ende des 19. Jahrhunderts bei Leuten, die selten ohne Staffelei und Pinsel ins Freie gingen, in Mode kam. Der malerische Wechsel zwischen Küste, Wald und Dörfern zog sie an, zum Beispiel Paul Müller-Kaempff, der als Initiator der Kolonie gilt. Künstlerinnen wie Elisabeth von Eicken und Anna Gerresheim prägten sie maßgeblich. Gemälde aus der großen Zeit der Künstlerkolonie bis zum Ersten Weltkrieg, aber auch aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kommen schon seit Jahrzehnten jeden Sommer bei den Ahrenshooper Kunstauktionen in der Strandhalle zum Aufruf.

Dem kreativen Schaffen von heute widmet sich das Neue Kunsthaus Ahrenshoop mit vier bis sechs Ausstellungen im Jahr. Dabei arbeitet man eng mit dem Künstlerhaus Lukas zusammen, das Stipendien für junge Künstler aus Nordeuropa vergibt. Ab 9. Juni sind im Neuen Kunsthaus künstlerische Positionen zu sehen, die sich mit von Migration geprägten Familienbiografien auseinandersetzen.

Die Architektur des Kunst­museums Ahrenshoop ist preisgekrönt. © Voigt/​Kranz

Ein weiterer kultureller Leuchtturm ist das Kunstmuseum Ahrenshoop. Vor vier Jahren wurde der Neubau aus fünf aneinandergefügten Körpern eröffnet, eine preisgekrönte Konstruktion von Staab Architekten Berlin. Außen ist sie der ortstypischen Bauweise rohrgedeckter Fischerkaten nachempfunden. Hinter den Fassaden aus Baubronze ist die Freilichtmalerei der Künstlerkolonie Ahrenshoop zu bewundern, aber auch ihre Wirkung auf die spätere Moderne – wie Alexej von Jawlensky, George Grosz und Lyonel Feininger belegen. Die Räume konzentrieren sich bis zum 8. September auf die Künstlerfreundschaft von Gerhard Marcks und Alfred Partikel. Ob man danach ein Salzwiesenlamm oder lieber am Nachmittag die Friesentorte isst – das Namenlos versteht sich auf beides.

Knallblaue Türen und Wände. Der Kunstkaten im Strandweg ist die erste Galerie im Ort. Schon als sie 1909 gegründet wurde, sollte sie Künstler und Käufer zusammenbringen. Bis Juli sind noch Grafiken von Ernst Lau zu sehen. Am Darßer Ort wendet sich der Landstrich wie ein Bumerang gen Osten. Im Knick wuchern ein urwaldähnlicher Wald und Birkenhaine, wie Elisabeth von Eicken sie gern porträtierte. Nach der Wanderung stärken wir uns im Ginger, dem ehemaligen Haus der Malerin in Ahrenshoop.

3. Tag

Kaum ein historisches Ensemble ist so lebendig überliefert wie die Stadt am Strelasund. Auf mehr als achtzig Hektar sind 811 denkmalwürdige Gebäude, Gassen und Plätze zu meistern. Fürs Erste genügt es, den Kirchturm von St. Marien zu besteigen, um einen Überblick zu gewinnen. Hier zeigt sich die Lage auf einer Halbinsel und ein Gesamtkunstwerk aus acht Jahrhunderten. Das hielt die Unesco für schutzwürdig: Stralsund repräsentiert im Duett mit Wismar die entwickelte Hansestadt aus der Blütezeit des mächtigen Städtebundes im 14. Jahrhundert.

Rein in das mittelalterliche Straßennetz

Runter vom Turm, rein in das mittelalterliche Straßennetz mit seinen Plätzen und der Quartier- und Parzellenstruktur. Ein Reigen von früh- und spätgotischen, frühneuzeitlichen und barocken Giebelhäusern wie man sie etwa in der Mühlen-, Baden- oder Fährstraße bestaunt. Am Alten Markt raubt das Backsteinensemble aus Rathaus und St. Nikolai für Momente die Sprache. Wie in Rostock zeigt das Herzstück der Stadt deutlich, dass der Kommerz den Ton angab. Filigrane Türmchen, Giebel und Windlöcher dekorieren die hohe Renaissance-Schauwand wie Brüsseler Spitze vor blauem Himmel. Fast unscheinbar schmiegt sich ans Rathaus die kunstvoll ausgemalte Nikolaikirche von 1276. Außen schlicht, überwältigt die Hallenkirche innen mit Farbe und Fülle. An sakralen Kunstschätzen lohnen sich besonders der Hochaltar mit 100 geschnitzten Figuren und das Gestühl der Rigafahrer. Seine Relieftafeln aus Eiche zeigen profane Motive, was besagt: Dies war nicht nur Gotteshaus. Hier war der Versammlungsort der Vereinigungen, Gilden 
und Zünfte, hier wurde Markt abgehalten. Nahe dem Alten Markt speisen wir mittags im Zum Scheele unter hansischen Giebeln. 

Gestärkt für noch mehr Hansekultur, geht es zum Stralsund Museum im ehemaligen Dominikanerkloster St. Katharinen. Den Grundstock seiner Preziosen bildet das Vermächtnis des schwedischen Generalgouverneurs Axel Graf von Löwen, der seine Kunstsammlung 1761 der Stadt vermachte. Das Highlight ist der Goldschatz von Hiddensee, gut 600 Gramm Goldschmiedearbeit und Meisterwerke der Wikingerkunst.

Ein paar Schritte weiter bekommt man im Museumshaus ein Gefühl dafür, wie sich das Leben in einem mittelalterlichen Krämerhaus abspielte. Bis in die Speicherböden zieht ein gotisches Aufzugsrad die Waren. In der Diele im Erdgeschoss fällt die zweiflügelige Rokokotür auf, Spuren gotischer Malerei zieren die Holzbalkendecke.

Und doch wird in Stralsund hinter verputzten Fassaden, auf gepflegtem Kopfsteinpflaster und in sorgfältig gehüteten Giebelhäusern gelebt. Die Stadtväter scheuten sich nicht, die Unesco-geschützte Stadtsilhouette zu verändern. 2007 wurde der Hanse-Skyline als "Jahrhundertbauwerk" eine dreispurige Schrägseilbrücke zur Insel Rügen von 2831 Metern Länge vorgesetzt, deren Pylone die Kirchtürme weit überragen. Noch mehr erstaunt am alten Hafenkai das von Behnisch Architekten entworfene Ozeaneum, das die städtischen Konturen seit gut zehn Jahren prägt. Vier gigantische weiße Baukörper schieben sich wie Riesenkiesel zwischen Backsteinkirchen, Speicher und Giebelhäuser, um das Leben der Meere zu erklären. Das Restaurant Eine gute Zeit bildet den passenden Abschluss der Reise.

Dieser Artikel stammt aus der Weltkunst, Heft Nr. 157/2019.

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