Runter vom Turm, rein in das mittelalterliche Straßennetz mit seinen Plätzen und der Quartier- und Parzellenstruktur. Ein Reigen von früh- und spätgotischen, frühneuzeitlichen und barocken Giebelhäusern wie man sie etwa in der Mühlen-, Baden- oder Fährstraße bestaunt. Am Alten Markt raubt das Backsteinensemble aus Rathaus und St. Nikolai für Momente die Sprache. Wie in Rostock zeigt das Herzstück der Stadt deutlich, dass der Kommerz den Ton angab. Filigrane Türmchen, Giebel und Windlöcher dekorieren die hohe Renaissance-Schauwand wie Brüsseler Spitze vor blauem Himmel. Fast unscheinbar schmiegt sich ans Rathaus die kunstvoll ausgemalte Nikolaikirche von 1276. Außen schlicht, überwältigt die Hallenkirche innen mit Farbe und Fülle. An sakralen Kunstschätzen lohnen sich besonders der Hochaltar mit 100 geschnitzten Figuren und das Gestühl der Rigafahrer. Seine Relieftafeln aus Eiche zeigen profane Motive, was besagt: Dies war nicht nur Gotteshaus. Hier war der Versammlungsort der Vereinigungen, Gilden 
und Zünfte, hier wurde Markt abgehalten. Nahe dem Alten Markt speisen wir mittags im Zum Scheele unter hansischen Giebeln. 

Gestärkt für noch mehr Hansekultur, geht es zum Stralsund Museum im ehemaligen Dominikanerkloster St. Katharinen. Den Grundstock seiner Preziosen bildet das Vermächtnis des schwedischen Generalgouverneurs Axel Graf von Löwen, der seine Kunstsammlung 1761 der Stadt vermachte. Das Highlight ist der Goldschatz von Hiddensee, gut 600 Gramm Goldschmiedearbeit und Meisterwerke der Wikingerkunst.

Ein paar Schritte weiter bekommt man im Museumshaus ein Gefühl dafür, wie sich das Leben in einem mittelalterlichen Krämerhaus abspielte. Bis in die Speicherböden zieht ein gotisches Aufzugsrad die Waren. In der Diele im Erdgeschoss fällt die zweiflügelige Rokokotür auf, Spuren gotischer Malerei zieren die Holzbalkendecke.

Und doch wird in Stralsund hinter verputzten Fassaden, auf gepflegtem Kopfsteinpflaster und in sorgfältig gehüteten Giebelhäusern gelebt. Die Stadtväter scheuten sich nicht, die Unesco-geschützte Stadtsilhouette zu verändern. 2007 wurde der Hanse-Skyline als "Jahrhundertbauwerk" eine dreispurige Schrägseilbrücke zur Insel Rügen von 2831 Metern Länge vorgesetzt, deren Pylone die Kirchtürme weit überragen. Noch mehr erstaunt am alten Hafenkai das von Behnisch Architekten entworfene Ozeaneum, das die städtischen Konturen seit gut zehn Jahren prägt. Vier gigantische weiße Baukörper schieben sich wie Riesenkiesel zwischen Backsteinkirchen, Speicher und Giebelhäuser, um das Leben der Meere zu erklären. Das Restaurant Eine gute Zeit bildet den passenden Abschluss der Reise.

Dieser Artikel stammt aus der Weltkunst, Heft Nr. 157/2019.

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