Es gibt jetzt vermehrt Instagram-Fotos, auf denen Rucksäcke, Menschen und Fahrräder aller Größen an der Bahnsteigkante zu sehen sind. Seht her, wollen sie sagen, wir haben Greta verstanden. Dieses Jahr ist unser Urlaub anders.

Es gibt jetzt auch vermehrt – das zumindest wäre wie das Obige eine These – wütende Facebook-Posts, Twitter-Threads und Zeitungsartikel. Sie sagen: Wir haben es versucht mit der Bahn. Aber: zu teuer, zu viel Verspätung, Umstieg nicht geschafft, umgekehrte Wagenreihung, nie wieder und schon gar nicht mit Kindern!

Stellen wir uns nun zwei erfahrene Bahnfahrerinnen vor, die mit ihren zwei Kindern (zwei und vier Jahre) sechs bis zehn Mal im Jahr weitere Bahnreisen im gesamten Bundesgebiet unternehmen. Von Berlin geht es nach Marburg, von Marburg (mit der wundervollen Kurhessenbahn) über Brilon-Wald nach Dortmund, es geht nach Flensburg, Syke, Rottenburg am Neckar und zurück, die Verwandtschaft lebt weit verstreut im Westen. Das Paar sieht das alles und denkt sich: Ja, die Bahn könnte viel besser sein, wer wüsste das besser als wir! Aber wie kriegen wir das eigentlich hin mit unseren ziemlich durchschnittlichen 3.000 Euro Haushaltsnetto (von wegen: nur was für reiche Leute)? Ja klar, wir haben kein Auto und viele sagen, sie brauchen das. Andererseits: 77 Prozent der Deutschen wohnen in Städten oder Ballungsräumen, wo es ja gemeinhin einen ÖPNV und eine Fahrradinfrastruktur gibt oder geben sollte.

Und auch was das Reisen selbst angeht, ist das Paar erstaunt über die Masse der schlechten Erfahrungen: Wieso, fragt es sich, sind unsere Züge immer leidlich pünktlich, in etwa in den Dimensionen, die auch die Bahn selbst bemisst? Wieso funktionieren zumeist unsere Anschlüsse? Wieso erfahren wir Hilfsbereitschaft und gute Beratung am Gleis und kommen mit großer Zuverlässigkeit ungestresst und leidlich pünktlich am Zielort an?

Das Paar schaut sich die Einwände der anderen genauer an und stellt fest: Die Leute machen aber auch ziemlich viel falsch. Sie kaufen sich die BahnCard 25 und spekulieren auf Frühbucherrabatte (Stress im Vorfeld), sie reservieren im Kleinkindabteil und landen im Ruhewaggon (Stress auf der Reise), sie nehmen zu viel Gepäck und zu wenig Filme für die Kinder mit (Stress mit anderen), sie erregen sich maßlos über jede kleine Verspätung (Stress mit sich selbst). Man befindet: Höchste Zeit für einen kleinen Guide!

Kaufen Sie sich eine BahnCard 50!

Nicht 25, 50! Das erst mal. Und wenn Sie verpartnert sind, kaufen Sie sich noch eine ermäßigte Partner-BahnCard (auch 50) obendrauf! Das bedeutet: Kein Stress mit Frühbucherrabatten, spontanes Buchen, spontanes Storno, immer halber Fahrpreis. Nur so wird Bahnfahren selbstverständlicher Teil des Alltags. Und wenn es das erst einmal ist, haben Sie den Preis der BahnCard(s) schneller wieder drin, als Ihr nicht existierendes Auto "Ich muss mal schnell zur Inspektion" sagen kann.

Buchen Sie online!

Es ist wirklich nicht so schwer und man kann sogar "wie früher" per Lastschrift zahlen. Und neben der Tatsache, dass eine gute Reise entspannt auf dem Sofa beginnt: Die Menschen am Schalter treffen Ihre Bedürfnisse im Zweifel weniger gut als Sie selbst – wenn Sie sich auskennen, und das tun Sie ja, wenn Sie mit dieser Liste fertig sind.

Buchen Sie immer normales "Abteil"!

Sie kennen das vielleicht: Sie buchen bei der Sitzplatzreservierung "Kleinkindabteil" und hoffen, wenigstens im "Familienbereich" zu landen. Sie werden dann aber – speziell zu Hauptreisezeiten um Weihnachten und Ostern – mit einem "Abteilart: Großraum !" (das zweite Wort rot hinterlegt und das abgerückte Ausrufezeichen zusätzlich gefettet) konfrontiert, was so viel heißt wie: Das Kleinkindabteil ist voll, der Familienbereich auch, wir mussten Sie woanders platzieren. Vor Ort stellen sich die "alternativen Plätze" als Mosaik aus Einzelsitzen heraus, über einen ganzen Ruhewaggon verteilt. Ein großer Spaß! Wer aber "Abteil" bucht, und nur wer "Abteil" bucht, bekommt – warum auch immer – zuverlässig die Option "Sitzplatz auswählen" angezeigt. Plötzlich kann man in einer Übersicht des gesamten Zuges jedweden Sitzplatz – Abteil oder nicht – per Mausklick mit einem virtuellen Handtuch belegen. So finden sich auch kurz vor Weihnachten noch vier zusammenhängende Plätze am Tisch. Und abgesehen davon: Abteil selbst ist, wenn noch verfügbar, tatsächlich eine gute Option! Denn wer vier Plätze reserviert hat (und das sollten Sie – siehe unten – auf jeden Fall tun), bekommt es im klassischen Sechserabteil noch mit maximal zwei unbeteiligten Personen zu tun. Und die sind je nach Kinderfreundlichkeit schnell eingemeindet – oder vertrieben.

Reservieren Sie immer vier Plätze (Minimum)!

Auch dann, wenn Sie eine alleinreisende Mutter mit einem sehr platzsparenden Säugling im Tragetuch sind. Ob zwei oder vier Plätze, ob Sie sonst ein oder zehn kostenpflichtige Tickets buchen – mit der Familienreservierung kostet das immer 9 Euro. (Es gingen sogar fünf, aber man will ja nicht maßlos sein.) Wenn Sie menschenscheu und abgebrüht sind, nutzen Sie die überzähligen Plätze einfach als Abstandhalter und für Ihr enormes Reisegepäck – in vollen Zügen ist das aber etwas schwer durchzuhalten, zumal wenn Zugbegleiterinnen irgendwann die Freigabe einfordern, was sie wohl auch dürfen, wenn der Platz nicht von einer Person eingenommen wird. Besser geht es anders. Wenn beim Einsteigen jemand fragt, ob die Plätze wohl noch frei wären, sagen Sie: "Die haben wir reserviert, brauchen Sie aber nicht zwingend. Setzen Sie sich gern, Sie müssen aber damit rechnen, dass die Kinder sind, wie Kinder halt sind." Im schlimmsten Fall hat man nun einen so schweig- wie duldsamen Menschen neben sich, im (häufigeren) besten Fall einen oder zwei Streckenabschnittsbabysitter. Niemals aber: jemanden, der sich über die Kinder beschwert.

Setzen Sie sich nach hinten!

Wenn Kleinkindabteil und Familienbereich ausgebucht sind, reservieren nur Amateure in unmittelbarer Nähe dazu – getreu dem Gedanken "Hier in der Zugmitte sind ohnehin so viele Familien und dann hat man's auch kürzer zum Wickeltisch und ins Bordrestaurant". Die Zugmitte ist aber erstens beim Ein- und Aussteigen gerne mal der überfüllte Horror, außerdem wird der Freizeitwert eines zielgebundenen Spaziergangs im Zug unterschätzt. Wer seine quengeligen Kinder direkt aus dem benachbarten Wagen ins Bordbistro schickt, hat sie nach drei Minuten unausgelastet und überzuckert zurück. Wer sie durch sechs Waggons laufen lässt, kann erst einmal getrost zur ZEIT greifen und bekommt danach eine spannende Abenteuergeschichte erzählt. Das freut auch die Umsitzenden, ganz gewiss.