Lange Zeit zählte das Altstadtviertel Rione Sanità zu den ärmsten in Neapel. Es war ein Hort der Camorra, der neapolitanischen Mafia und Auswärtigen wurde dringend davon abgeraten, sich in seinen engen Gassen zu verirren. Auch deshalb hatte man bei seinem Besuch selbst ein paar Vorsichtsmaßnahmen getroffen und zum Beispiel den Schmuck zu Hause gelassen. Aber schon nach ein paar Schritten in der Via Vergini, eine der Zugangsstraßen des Viertels, verflog jegliches Bedenken.

Die Via Vergini ist keine besonders breite Straße, trotzdem spielt sich hier allerlei ab. Auf dem linken Gehsteig findet von Montag bis Samstag ein Markt statt. Auf dem rechten sitzen ältere Männer vor den Kaffeehäusern oder auf den Treppen der barocken Kirche Santa Maria dei Vergini, und überall stehen die Holzkarren der Marktstände. Für Autofahrer bedeutet das, dass sie laut hupen müssen, um weiterzukommen, und die Motorradfahrer, oft ohne Schutzhelm, schlängeln sich stattdessen von der Straße auf den Gehsteig und durch die Passanten, bevor sie in eine der unzähligen engen Gassen verschwinden. Während über der Via Vergini Blumengirlanden hängen, sind es in den Gassen dicht bedeckte Wäscheleinen, die sich von einem Haus zum anderen ziehen.

Zugegeben, das hört sich alles sehr klischeehaft und typisch neapolitanisch an, nur im Rione Sanità sieht es eben wirklich so aus. Das war auch der erste Grund weshalb man aus diesem Viertel nicht sofort wieder flüchten, sondern bleiben wollte. Der zweite hat mit dem sogenannten Miracolo di Napoli, dem Wunder Neapels zu tun. Ein Wunder, von dem zum Beispiel Frau Mena Bufano erzählen kann.

Frau Mena ist eine Mittfünfzigerin, die in der ersten Etage des Palazzo dello Spagnuolo in der Via Vergini wohnt. Der im 18. Jahrhundert errichtete Bau zeichnet sich durch eine anmutige, bienenkorbähnliche, doppelte Treppe aus. Der Entwurf stammt vom neapolitanischen Stararchitekten jener Zeit, Ferdinando Sanfelice. Die Noblen der Stadt ließen sich damals gern hier nieder. Es hieß, die Luft in diesem Viertel sei besonders gesund, daher auch der Name Sanità. Aber in Wahrheit hofften sie auf die Wundertaten der hier begrabenen Heiligen.

Es muss damals eine grandiose Zeit gewesen sein. Die vielen barocken Kirchen und Palazzi erzählen bis heute davon. Sie endete, als Franzosen Anfang des 19. Jahrhunderts kamen. Der im Dienste Napoleons stehende Kavallerieoffizier Joachim Murat ordnete 1809 den Bau einer Brücke an. Ein fataler Entschluss, unter dem das Viertel bis heute leidet. Die Brücke isolierte das Viertel, das bis dahin als nördlicher Zugang in die Altstadt diente.

Die Via Vergini in Neapel © Andrea Affaticati

Bei Frau Mena, die ein paar Zimmer ihrer großen und äußerst eklektisch eingerichteten Wohnung in ein B. & B. umgewandelt hat, fühlt man sich sofort wie zu Hause. Vielleicht weil sie einem gleich den Eintritt in ihr Reich gewährt, die Küche. Sie selbst ist eine leidenschaftliche Köchin und muss es auch sein. Ihre Tochter Viola organisiert in ihrer Wohnung mit ihrem Verein Brodo regelmäßig Konzerte, auf die dann ein Aperitiv rinforzato, mit besonders vielen von ihrer Mutter zubereiteten Häppchen, folgt. Frau Mena ist vor zehn Jahren in das Viertel und diese Wohnung eingezogen. Damals gehörte zu diesem Schritt noch Mut, sagt sie. "Am Tag vor dem Umzug gab es genau vor diesem Haustor eine Schießerei zwischen befeindeten Camorra-Clans", erinnert sie sich, während sie die Espressomaschine auf den Herd und ein Tablett mit zuckerbepuderten Bällchen auf den Tisch stellt. Das sei der berühmte Fiocco di neve des Rione Sanità, erfunden von Ciro Poppella, dem Konditor gleich um die Ecke, sagt sie. Und in der Tat zergeht diese süße, mit Milchschaumcreme gefüllte Verführung wie eine Schneeflocke auf der Zunge. Für einen Moment würde man gern jeglichen Anstand vergessen und sich auf die nächste stürzen.

Wie viele Neapolitanerinnen verehrt Frau Mena nicht nur gutes Essen. Sie ist auch sehr gläubig und glaubt wie ihre Mitmenschen fest an Wunder. Warum auch nicht? Manchmal geschehen sie ja tatsächlich. Der Wandel, den ihr Viertel in den letzten 10 bis 15 Jahren erlebt hat, ist ja zum Beispiel so ein Wunder, an das niemand geglaubt hätte. Zur Vorsicht sei in Rione immer noch geraten, aber heute könnten Besucher in der Tat unbesorgt durch das Viertel schlendern, sagt Frau Mena.

Wunder passieren natürlich nicht wirklich von allein. Wie heißt der Spruch? "Hilf dir selbst, so hilft dir Gott." Ein Wink von oben, der für die Menschen hier im Rione besonders wichtig war, denn die Armut grassiert weiter und die Arbeitslosigkeit liegt bei über 40 Prozent. Wer keine offizielle Anstellung hat, der arbeitet schwarz oder wird zur leichten Beute der Camorra.

Dagegen wehrte sich jedoch eine Gruppe Jugendlicher und gründete 2006 den Verein La Paranza: "Wir wollten weder aus unserem Viertel oder sogar aus Neapel wegziehen, noch im Heer der Arbeitslosen landen", sagt Vincenzo, der Pressesprecher.