Drei Tage in Warschau – Seite 1

Tag 1

Breite Straßen, auf denen sich die Autolawinen durch die Plattenbauten wälzen, der wuchtige Neoklassizismus der Fünfzigerjahre, dazwischen versprengte Reste der Belle Époque oder der Dreißiger, die Scheinidylle der wiederaufgebauten Altstadt: Warschau bietet eine ziemlich wilde urbane Mischung. Und im Zentrum schießen seit den Neunzigern gläserne Hochhäuser in den Himmel, Zeichen des polnischen Wirtschaftswunders und des kapitalistischen Wildwuchses nach dem Ende des Kommunismus. Nein, die Stadt ist wahrlich keine Schönheit, aber wer sich auf sie einlässt, der wird ihren herben, oft schrägen Charme bald lieben lernen.

Zur Einstimmung besuchen wir den Kultur- und Wissenschaftspalast, die monströse Stadtkrone von Stalins Gnaden. Das Riesenbauwerk im Zuckerbäckerstil war ein Geschenk der Sowjetunion; in nur drei Jahren, von 1952 bis 1955, wurde der fast 240 Meter hohe Turm mit seinen gewaltig auskrakenden Seitenbauten errichtet. Mehr als 3.000 Räume hat das Gebäude, es gibt ein Technik- und ein Puppenhausmuseum, verschiedene Theater und Kinos, Restaurants und Cafés und vieles mehr. Nicht zu versäumen die Aussichtsterrasse, von der man die ganze Stadt und den Lauf der Weichsel bis in die Ebene Masowiens überblicken kann.

In Warschau muss man sich gerade als Deutscher mit den Katastrophen des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen, die diese Stadt besonders schrecklich trafen. Während der Besatzung durch Hitlers Truppen von 1939 bis 1944 starben rund 500.000 Menschen in der Stadt; das Zentrum war bei Kriegsende zu 90 Prozent zerstört.

Unter dem Kulturpalast verlief die Grenze des Gettos, in dem die Deutschen ab Herbst 1940 bis zu 450.000 Juden unter unsäglichen Bedingungen einpferchten, bevor 1942 die Deportationen in die Vernichtungslager begannen. Nichts bis auf ein paar versteckte Mauerreste (etwa in der Sienna 55) erinnert heute mehr an das Getto. Von den einst Hunderten von jüdischen Bethäusern in der Stadt hat nur die 1902 erbaute Nożyk-Synagoge überlebt. Sie wurde sorgfältig restauriert und kann besucht werden.

Von dort nehmen wir die Straßenbahn oder ein Taxi zum Denkmal der Gettohelden, das 1948 in Erinnerung an die 750 meist jungen Menschen errichtet wurde, die sich im April und Mai 1943 mit dem Mut der ­Verzweiflung den Deportationen entgegenstellten und dies fast alle mit dem Leben bezahlten. Am 7. Dezember machte Willy Brandt seinen berühmten ­Kniefall vor der Stele mit den pathetisch idealisierten Bronzekämpfern des Bildhauers Nathan Rapaport – die Demutsgeste des Bundeskanzlers war ein Mei­lenstein bei der Annäherung von Deutschen und Polen nach dem Krieg.

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst Heft Nr. 160/2019

Direkt nebenan wartet auf uns das 2014 eröffnete Museum der Geschichte der polnischen Juden, auch Polin genannt (nach dem jiddischen Wort für Polen). Man muss sich dafür viel Zeit nehmen, denn hinter der symbolisch aufgebrochenen Glasfassade wird in abwechslungsreichen Inszenierungen ein 1000-jähriges Panorama aufgerollt. Dank der Toleranz der Könige spielten Juden nirgendwo in Europa eine so bedeutende Rolle wie in Polen. Und Warschau war 1939 mit knapp 400.000 Menschen die größte jüdische Gemeinde Europas.

Nach diesem intensiven Erlebnis stärken wir uns im Museumscafé oder fahren zum Grzybowski-Platz und der angrenzenden Próżna-Straße, einst ein Zentrum des jüdischen Lebens und nach langer Ödnis heute wieder ein vitaler Ort mit guten Bistros und Restaurants.

Von dort geht es ins Nationalmuseum, wo wir den Rest des Nachmittags verbringen. Mit mehr als 800.000 Objekten ist es die bedeutendste Kunstsammlung des Landes: vom Mittelalter bis zur italienischen Renaissance, von frühchristlicher Malerei der Nubier bis zum reichen Bestand polnischer Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, darunter in einem eigenen Saal das zehn Meter breite Historienbild Schlacht bei Grunwald von 1878, Hauptwerk des Nationalmalers Jan Matejko, und die oft ziemlich exzentrischen Symbolisten der Zeit um 1900. Eine Überraschung ist die Design-Galerie, wo sich Polen als ein Land blühender angewandter Kunst vom Jugendstil bis heute präsentiert.

All diese Eindrücke müssen verdaut werden. Dafür haben wir im Restaurant Kieliszki na Próżnej reserviert, wo wir eine avancierte Küche genießen und mit der wachsenden  Qualität polnischer Weine vertraut gemacht werden.

Am Abend wagen wir ein kleines kulinarisches Abenteuer

Tag 2

Heute widmen wir uns dem historischen Warschau. Wir beginnen in der Altstadt, spazieren dort durch malerische Gassen, besuchen die spätgotische Johanneskathedrale, bewundern die barocken Bürgerhäuser und Kirchen mit Rokokofassaden. Man sieht es nicht mehr, aber hier war buchstäblich alles zerstört. Nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands im September 1944 – nicht zu verwechseln mit dem Aufstand im Getto 1943! – sprengten die deutschen Truppen systematisch Haus um Haus. Trotz der großen Not begann man schon im Februar 1945 damit, den Wiederaufbau der Altstadt zu planen. Bereits 1955 war das Riesenwerk weitgehend vollendet.

Nach unserem Rundgang durch die Altstadt, die fest in Touristenhand ist, besuchen wir das Königsschloss. Auch der frühbarocke Kubus aus der Zeit um 1600 mit späteren Anbauten lag völlig am Boden und wurde erst in den Siebzigern und Achtzigern rekonstruiert. Die Arbeiten dauern immer noch an, derzeit erhalten die Barockgärten hinab zum Weichselufer ihre historische Form zurück. Im Inneren kommt man aus dem Staunen nicht heraus, mit welchem Aufwand hier aus dem Nichts eine lange Abfolge von Staatsräumen und Königsgemächern des 18. Jahrhunderts wiederhergestellt wurde. Die meisten Möbel, Gemälde oder kunsthandwerklichen Objekte stammen aus anderen Kontexten, authentisch aber sind dafür die zwanzig Gemälde Bernardo Bellottos. Der Venezianer war seit 1768 Hofmaler des letzten polnischen Königs, Stanisław August Poniatowski, der von ihm akribisch genaue Stadtansichten Warschaus malen ließ. Die Veduten dienten in vielen Fällen als Vorbilder bei der Rekonstruktion der Altstadt und des Schlosses.

Die 22 Meter hohe Sigismundsäule vor dem Königspalast erinnert an König Zygmunt III. Wasa, der 1596 die Residenz der polnisch-litauischen Herrscher von Krakau nach Warschau verlegte. Hier beginnt der Königstrakt, die Repräsentationsachse, die nach Süden Richtung Krakau führt. Beim Flanieren entlang der prachtvollen Fassaden begeistert vor allem die Karmeliterkirche von 1779: Sie ist ein Meisterwerk des Frühklassizismus und überlebte wie durch ein Wunder den Krieg.

Jetzt haben wir Hunger und steuern das 150 Jahre alte Café Blikle an. Gestärkt vom guten Kuchen wandern wir danach weiter in Richtung Süden. Am Charles-de-Gaulle-Rondo erfreuen wir uns am Nebeneinander der ehemaligen Parteizentrale der KP (heute ironischerweise ein Luxusdomizil der Finanzwirtschaft) und der künstlichen Dattelpalme mitten auf der Kreuzung: eine 2002 aufgestellte Skulptur von Joanna Rajkowska. Von dort geht es weiter über den eleganten Platz der drei Kreuze (Plac Trzech Krzyży), vorbei am polnischen Parlament, dem Sejm, bis zum Schloss Ujazdowski, das wir durch den gleichnamigen Park erreichen. Das ehemalige Jagdschloss der Könige beherbergt eines der wichtigsten und aktivsten Kunstzentren Polens mit vielen internationalen Kontakten. Der Besuch hier lohnt eigentlich immer.

Beim Ujazdowski-Schloss beginnt bereits der ausgedehnte Łazienki-Park: ein herrliches Elysium mit künstlichen Seen, einer sanft gestalteten Landschaft, darin klassizistische Schlösschen, Orangerien, kleine Tempel und andere antikische Akzente. Hier hat sich das alte Warschau authentisch erhalten, kein Wunder, dass der ehemals königliche Lustgarten einer der beliebtesten Orte der Stadt ist.

Am Abend wagen wir dann ein kleines kulinarisches Abenteuer. Das Restaurant Elixir im Dom Wódki, dem Haus des Wodkas, begleitet jeden Gang des Menüs mit geschickt ausgewählten Wodkasorten. Hier lernt man die ganze Raffinesse und Vielfalt des Getränks kennen, auf das die Polen zu Recht einigermaßen stolz sind. Wer dabei auf anderen Alkohol verzichtet und genügend Wasser trinkt, wird es nicht bereuen.

Von Berlin ist es nach Warschau genauso weit wie nach Köln

Tag 3

Wer diese Stadt verstehen will, kommt um das Museum des Warschauer Aufstands in einem ehemaligen Straßenbahnkraftwerk nicht herum. Mehrere Stunden sind einzuplanen für die ungeheuer materialreiche und ziemlich pathetische Inszenierung: künstliche Häuserruinen und ein nachgebauter Abwasserkanal (die Versorgungsader der Widerstandskämpfer), Barrikaden, Grabhügel, überall Waffen und Alltagsgegenstände jeglicher Art, bis hin zu einem Panzer­wagen der Aufständischen und einem britischen Bomber, der Hilfspakete abwarf. Jedes Foto, jeder Text erzählt eine berührende Geschichte, besonders be­eindruckend sind Aufnahmen vom Filmteam der Rebellen.

Ausgelöst von der Londoner Exilregierung, schlug die Untergrundbewegung Armia Krajowa (Heimatarmee) am 1. August 1944 los. Die Sowjettruppen standen schon am anderen Weichselufer, darum wollten sich die Polen aus eigener Kraft befreien und Stalins Hegemonialplänen selbstbewusst gegenübertreten. Nach ersten Erfolgen und der Befreiung mehrerer Stadtteile stagnierten die Kämpfe. Die Deutschen rächten sich grausam und erschossen allein im Stadtteil Wola in drei Tagen systematisch 50.000 Menschen. Am 2. Oktober kapitulierte die Heimatarmee, 200.000 Zivilisten und 20.000 Kämpfer waren gestorben.

Aufgewühlt verlassen wir das Museum und fahren mit der U-Bahn bis zur Station Centrum Nauki Kopernik, um auf der Uferpromenade an der Weichsel zu spazieren und in einem der Cafés dort eine Pause einzulegen. Hier treffen wir auf eine alte Bekannte: die "Temporäre Kunsthalle", die von 2008 bis 2010 auf dem Berliner Schlossplatz stand. Jetzt dient der zerlegbare Pavillon von Adolf Krischanitz dem Museum für Moderne Kunst als Ausstellungsort, bis der lang ersehnte Neubau fertiggestellt ist. Gleich oberhalb des Weichselufers statten wir der Universitätsbibliothek einen kurzen Besuch ab. Der 1999 eingeweihte Bau ist ein exzentrisches Statement grüner Architektur. Skulptural aus viel Glas und Kupfer zusammengefügt, wachsen Gartenanlagen bis aufs begehbare Dach hinauf. Wer sich für die berühmte polnische Plakatkunst interessiert, der kommt in der Galeria Plakatu in der Haupthalle auf seine Kosten und kann sogar ein Vintage-Exemplar aus den Fünfzigern oder Sechzigern erwerben.

Um Zeit zu sparen, lassen wir uns nun im Taxi zum Plac Trzech Krzyży bringen. Von dort flanieren wir die Mokotowska hinab, eine Straße mit vielen alten Häusern; hier weht noch ein Hauch vom "Paris des Ostens" der Vorkriegszeit. ­Boutiquen polnischer Labels, Concept-Stores, Cafés mit allem, was urbane, ökologisch engagierte Menschen heute konsumieren: Hier ist das junge, international orientierte Warschau zu Hause. Vom Plac Zbawiciela mit seinen runden Kolonnaden voller Hipstercafés laufen wir wieder nordwärts, entlang der Marszałkowska, einer breiten Achse aus stalinistischer Zeit. Trotz des etwas martialischen Klassizismus der Fassaden hat der Wohnboulevard durchaus Grandezza und eine vitale Atmosphäre, in der sich alle Schichten der Warschauer vermischen.

Auch einige Galerien haben sich in der Nachbarschaft angesiedelt. Etwa lokal_30 (Wilcza 29), unter anderem Anlaufstelle für die Breslauer Künstlerin Natalia LL, die in den frühen Siebzigern mit feministischen Aktionen startete. Kürzlich kam es zu erbitterten Protesten gegen den neuen, von der PiS-Regierung eingesetzten Direktor des Nationalmuseums. Er hängte ein Foto von Natalia LL ab, auf dem sie genüsslich eine Banane isst – zu explizit sexuell, auch das ist Polen heute.

In der Wspólna 63 besuchen wir die Galeria Raster, die Wilhelm Sasnal, Zbigniew Rogalski oder Marcin Maciejowski groß gemacht und entscheidenden Anteil am internationalen Erfolg polnischer Gegenwartskunst hat. Marktführer und wichtigster Strippenzieher ist die Foksal Gallery Foundation, für die wir zurück ins Stadtzentrum fahren (Górskiego 1A). Die Galerie residiert in einem coolen Betonbau der Schweizer Architekten Diener & Diener, unmissverständliches Zeichen dafür, auf welchem Niveau sich die Warschauer Szene mittlerweile bewegt. Nach einem Zwischenstopp im Café Wedel, berühmt für seine heißen Schokoladen, spazieren wir zur Zachęta. Die nationale Kunstgalerie existiert seit dem späten 19. Jahrhundert und ist dank einem hochkarätigen Ausstellungsprogramm zur polnischen wie internationalen Moderne bis in die Gegenwart nach wie vor eine entscheidende Instanz.

Voller widersprüchlicher Eindrücke lassen wir unsere Reise im Restaurant Alewino ausklingen, wo die traditionelle polnische Küche in höchst kreativer Weise in die Gegenwart geführt wird. Vom 20. bis 22. September findet übrigens das Gallery Weekend statt, vielleicht kommen wir dann schon wieder. Und nicht vergessen: Von Berlin ist es nach Warschau genauso weit wie nach Köln.

Dieser Artikel stammt aus der Weltkunst, Heft Nr. 160/2019.

Viele weitere Kunstspaziergänge aus der Serie "Drei Tage in..." finden Sie auf Weltkunst.de.