Tag 2

Heute widmen wir uns dem historischen Warschau. Wir beginnen in der Altstadt, spazieren dort durch malerische Gassen, besuchen die spätgotische Johanneskathedrale, bewundern die barocken Bürgerhäuser und Kirchen mit Rokokofassaden. Man sieht es nicht mehr, aber hier war buchstäblich alles zerstört. Nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands im September 1944 – nicht zu verwechseln mit dem Aufstand im Getto 1943! – sprengten die deutschen Truppen systematisch Haus um Haus. Trotz der großen Not begann man schon im Februar 1945 damit, den Wiederaufbau der Altstadt zu planen. Bereits 1955 war das Riesenwerk weitgehend vollendet.

Nach unserem Rundgang durch die Altstadt, die fest in Touristenhand ist, besuchen wir das Königsschloss. Auch der frühbarocke Kubus aus der Zeit um 1600 mit späteren Anbauten lag völlig am Boden und wurde erst in den Siebzigern und Achtzigern rekonstruiert. Die Arbeiten dauern immer noch an, derzeit erhalten die Barockgärten hinab zum Weichselufer ihre historische Form zurück. Im Inneren kommt man aus dem Staunen nicht heraus, mit welchem Aufwand hier aus dem Nichts eine lange Abfolge von Staatsräumen und Königsgemächern des 18. Jahrhunderts wiederhergestellt wurde. Die meisten Möbel, Gemälde oder kunsthandwerklichen Objekte stammen aus anderen Kontexten, authentisch aber sind dafür die zwanzig Gemälde Bernardo Bellottos. Der Venezianer war seit 1768 Hofmaler des letzten polnischen Königs, Stanisław August Poniatowski, der von ihm akribisch genaue Stadtansichten Warschaus malen ließ. Die Veduten dienten in vielen Fällen als Vorbilder bei der Rekonstruktion der Altstadt und des Schlosses.

Die 22 Meter hohe Sigismundsäule vor dem Königspalast erinnert an König Zygmunt III. Wasa, der 1596 die Residenz der polnisch-litauischen Herrscher von Krakau nach Warschau verlegte. Hier beginnt der Königstrakt, die Repräsentationsachse, die nach Süden Richtung Krakau führt. Beim Flanieren entlang der prachtvollen Fassaden begeistert vor allem die Karmeliterkirche von 1779: Sie ist ein Meisterwerk des Frühklassizismus und überlebte wie durch ein Wunder den Krieg.

Jetzt haben wir Hunger und steuern das 150 Jahre alte Café Blikle an. Gestärkt vom guten Kuchen wandern wir danach weiter in Richtung Süden. Am Charles-de-Gaulle-Rondo erfreuen wir uns am Nebeneinander der ehemaligen Parteizentrale der KP (heute ironischerweise ein Luxusdomizil der Finanzwirtschaft) und der künstlichen Dattelpalme mitten auf der Kreuzung: eine 2002 aufgestellte Skulptur von Joanna Rajkowska. Von dort geht es weiter über den eleganten Platz der drei Kreuze (Plac Trzech Krzyży), vorbei am polnischen Parlament, dem Sejm, bis zum Schloss Ujazdowski, das wir durch den gleichnamigen Park erreichen. Das ehemalige Jagdschloss der Könige beherbergt eines der wichtigsten und aktivsten Kunstzentren Polens mit vielen internationalen Kontakten. Der Besuch hier lohnt eigentlich immer.

Beim Ujazdowski-Schloss beginnt bereits der ausgedehnte Łazienki-Park: ein herrliches Elysium mit künstlichen Seen, einer sanft gestalteten Landschaft, darin klassizistische Schlösschen, Orangerien, kleine Tempel und andere antikische Akzente. Hier hat sich das alte Warschau authentisch erhalten, kein Wunder, dass der ehemals königliche Lustgarten einer der beliebtesten Orte der Stadt ist.

Am Abend wagen wir dann ein kleines kulinarisches Abenteuer. Das Restaurant Elixir im Dom Wódki, dem Haus des Wodkas, begleitet jeden Gang des Menüs mit geschickt ausgewählten Wodkasorten. Hier lernt man die ganze Raffinesse und Vielfalt des Getränks kennen, auf das die Polen zu Recht einigermaßen stolz sind. Wer dabei auf anderen Alkohol verzichtet und genügend Wasser trinkt, wird es nicht bereuen.