Tag 3

Wer diese Stadt verstehen will, kommt um das Museum des Warschauer Aufstands in einem ehemaligen Straßenbahnkraftwerk nicht herum. Mehrere Stunden sind einzuplanen für die ungeheuer materialreiche und ziemlich pathetische Inszenierung: künstliche Häuserruinen und ein nachgebauter Abwasserkanal (die Versorgungsader der Widerstandskämpfer), Barrikaden, Grabhügel, überall Waffen und Alltagsgegenstände jeglicher Art, bis hin zu einem Panzer­wagen der Aufständischen und einem britischen Bomber, der Hilfspakete abwarf. Jedes Foto, jeder Text erzählt eine berührende Geschichte, besonders be­eindruckend sind Aufnahmen vom Filmteam der Rebellen.

Ausgelöst von der Londoner Exilregierung, schlug die Untergrundbewegung Armia Krajowa (Heimatarmee) am 1. August 1944 los. Die Sowjettruppen standen schon am anderen Weichselufer, darum wollten sich die Polen aus eigener Kraft befreien und Stalins Hegemonialplänen selbstbewusst gegenübertreten. Nach ersten Erfolgen und der Befreiung mehrerer Stadtteile stagnierten die Kämpfe. Die Deutschen rächten sich grausam und erschossen allein im Stadtteil Wola in drei Tagen systematisch 50.000 Menschen. Am 2. Oktober kapitulierte die Heimatarmee, 200.000 Zivilisten und 20.000 Kämpfer waren gestorben.

Aufgewühlt verlassen wir das Museum und fahren mit der U-Bahn bis zur Station Centrum Nauki Kopernik, um auf der Uferpromenade an der Weichsel zu spazieren und in einem der Cafés dort eine Pause einzulegen. Hier treffen wir auf eine alte Bekannte: die "Temporäre Kunsthalle", die von 2008 bis 2010 auf dem Berliner Schlossplatz stand. Jetzt dient der zerlegbare Pavillon von Adolf Krischanitz dem Museum für Moderne Kunst als Ausstellungsort, bis der lang ersehnte Neubau fertiggestellt ist. Gleich oberhalb des Weichselufers statten wir der Universitätsbibliothek einen kurzen Besuch ab. Der 1999 eingeweihte Bau ist ein exzentrisches Statement grüner Architektur. Skulptural aus viel Glas und Kupfer zusammengefügt, wachsen Gartenanlagen bis aufs begehbare Dach hinauf. Wer sich für die berühmte polnische Plakatkunst interessiert, der kommt in der Galeria Plakatu in der Haupthalle auf seine Kosten und kann sogar ein Vintage-Exemplar aus den Fünfzigern oder Sechzigern erwerben.

Um Zeit zu sparen, lassen wir uns nun im Taxi zum Plac Trzech Krzyży bringen. Von dort flanieren wir die Mokotowska hinab, eine Straße mit vielen alten Häusern; hier weht noch ein Hauch vom "Paris des Ostens" der Vorkriegszeit. ­Boutiquen polnischer Labels, Concept-Stores, Cafés mit allem, was urbane, ökologisch engagierte Menschen heute konsumieren: Hier ist das junge, international orientierte Warschau zu Hause. Vom Plac Zbawiciela mit seinen runden Kolonnaden voller Hipstercafés laufen wir wieder nordwärts, entlang der Marszałkowska, einer breiten Achse aus stalinistischer Zeit. Trotz des etwas martialischen Klassizismus der Fassaden hat der Wohnboulevard durchaus Grandezza und eine vitale Atmosphäre, in der sich alle Schichten der Warschauer vermischen.

Auch einige Galerien haben sich in der Nachbarschaft angesiedelt. Etwa lokal_30 (Wilcza 29), unter anderem Anlaufstelle für die Breslauer Künstlerin Natalia LL, die in den frühen Siebzigern mit feministischen Aktionen startete. Kürzlich kam es zu erbitterten Protesten gegen den neuen, von der PiS-Regierung eingesetzten Direktor des Nationalmuseums. Er hängte ein Foto von Natalia LL ab, auf dem sie genüsslich eine Banane isst – zu explizit sexuell, auch das ist Polen heute.

In der Wspólna 63 besuchen wir die Galeria Raster, die Wilhelm Sasnal, Zbigniew Rogalski oder Marcin Maciejowski groß gemacht und entscheidenden Anteil am internationalen Erfolg polnischer Gegenwartskunst hat. Marktführer und wichtigster Strippenzieher ist die Foksal Gallery Foundation, für die wir zurück ins Stadtzentrum fahren (Górskiego 1A). Die Galerie residiert in einem coolen Betonbau der Schweizer Architekten Diener & Diener, unmissverständliches Zeichen dafür, auf welchem Niveau sich die Warschauer Szene mittlerweile bewegt. Nach einem Zwischenstopp im Café Wedel, berühmt für seine heißen Schokoladen, spazieren wir zur Zachęta. Die nationale Kunstgalerie existiert seit dem späten 19. Jahrhundert und ist dank einem hochkarätigen Ausstellungsprogramm zur polnischen wie internationalen Moderne bis in die Gegenwart nach wie vor eine entscheidende Instanz.

Voller widersprüchlicher Eindrücke lassen wir unsere Reise im Restaurant Alewino ausklingen, wo die traditionelle polnische Küche in höchst kreativer Weise in die Gegenwart geführt wird. Vom 20. bis 22. September findet übrigens das Gallery Weekend statt, vielleicht kommen wir dann schon wieder. Und nicht vergessen: Von Berlin ist es nach Warschau genauso weit wie nach Köln.

Dieser Artikel stammt aus der Weltkunst, Heft Nr. 160/2019.

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