Down Under, ganz oben – Seite 1

Sieben Jahre lang führte Melbourne das Ranking der lebenswertesten Städte des Wirtschaftsmagazins Economist an, vergangenen Sommer musste es den Titel an Wien abgeben. Dafür kürte das Time Out-Magazin die australische Metropole 2019 zur "glücklichsten Stadt der Welt" – das hatte die Befragung von 32.000 Leserinnen und Lesern ergeben. Ausschlaggebend war die boomende Gastroszene, viele Kulturangebote, ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl sowie die Fülle an Freizeitmöglichkeiten in und außerhalb der Stadt. Melbourne brummt auch wirtschaftlich. Vergangenes Jahr knackte die Stadt an der australischen Südküste die Fünf-Millionen-Einwohner-Marke. Prognosen gehen davon aus, dass sie 2025 Sydney als größte australische Stadt ablösen wird. Zehn Gründe, warum das so ist.

Starke Wachmacher

Melbournians sagen von sich selbst, sie seien coffee snobs. Ihrer Passion können sie in Hunderten fantastischen Kaffeebars nachgehen, die von frühmorgens (und meist nur bis 15 Uhr) geöffnet haben. Oftmals in stilvoller Kulisse wie im beliebten Seven Seeds (114 Berkeley St), einer umgebauten Lagerhalle mit Sprossenfenstern, Backsteinwänden und Holztresen. Der Kaffee kommt aus nachhaltigem Anbau in Afrika oder Südamerika. Wenn der Kellner den "Espresso des Tages" anpreist, könnte man meinen, es handle sich um eine heilige Zeremonie. Kenia oder doch lieber Brasilien? Einziger Nachteil: Der gute Ruf hat sich herumgesprochen. Besonders am Wochenende muss man sich die Plätze mit wild dokumentierenden Instagramern teilen. Ausweichen kann man ins Kettle Black (50 Albert Road) oder zu Industry Beans (62 Rose St). 

Bestes Croissant

2016 verkündete die New York Times, dass das vermutlich beste Croissant der Welt in Melbourne gebacken wird. Genauer in der Lune Croissanterie (119 Rose St.), einem umgebauten Lagerhaus im Hipsterviertel Fitzroy. In der Kathedrale der Blätterteigkultur steht ein minimaler Tresen, ach was, ein Altar, auf dem eine Handvoll Teigteilchen ausgestellt werden. Mit Mandeln, Kardamon, Gruyère-Käse oder schlicht als Croissant. Besucher können zusehen, wie fünf weiß gekleidete Mitarbeiter in einem Glaskubus Teig rollen, kneten, auslegen, in einen Ofen schieben. Fordsche Akkordarbeit als heilige Handlung. Gründerin Kate Reid hat Luftfahrttechnik studiert und arbeitete in einem Formel-1-Team, bevor sie ihre Berufung während eines Praktikums in Paris fand. Ein Biss in das buttrige Hörnchen – und man ist süchtig. Am Wochenende herrscht großer Andrang, lieber unter der Woche vorbeischauen.   

Reibungslose Anfahrt

Zur Arbeit fahren viele Einwohner nicht mehr mit dem eigenen Wagen. Das ist in einer streng autogläubigen Gesellschaft wie der von Australien nicht selbstverständlich. Die Stadtplaner setzen auf den öffentlichen Nahverkehr. Bereits seit einigen Jahren sind die innerstädtischen Straßenbahnen umsonst, es gibt ein weitverzweigtes Vorortbahnnetz und zunehmend bessere Fahrradwege. Unter dem Central Business District (CBD), dem Geschäftszentrum mit Wolkenkratzern und Shoppingmalls, wird gerade ein riesiger Metrotunnel gebaut, der den Verkehr in der City ab 2025 entlasten soll. Die Züge werden dann im Zweiminutentakt fahren. Gleichzeitig denkt der Stadtrat über autofreie Zonen in der Innenstadt nach, um sie für Fußgänger und Radfahrer attraktiver zu machen.

Brutales Design

Grobe Betonwände, blockige Formen, Bunkerästhetik. Der Brutalismus war auch in Australien lange als "Monsterarchitektur" verschrien. Inzwischen pilgern Designfans in die Stadt, um die geglückten Beispiele des rauen Stils zu besuchen. Das Total House beispielsweise, das aussieht, als stehe auf dem Dach ein riesenhafter Betonbildschirm. Der Kulturkomplex südlich des Yarra River umfasst gleich mehrere Gebäude aus den Achtzigerjahren, die Betonfans glücklich machen. Der massive Ring des Arts Center wird gekrönt von einer 115 Meter hohen Stahlspitze, the spire, die zum Wahrzeichen Melbournes geworden ist. Die Concrete Melbourne Map (9,50 Euro) verzeichnet herausragende Gebäude des brutalen Architekturstils.

Mannigfaltige Kultur

In Sydney mag mehr Geld verdient werden, Melbourne trumpft dagegen mit der größeren Anzahl an Museen – und gilt daher als Kulturhauptstadt Australiens. Sehenswert ist die National Gallery in Southbank, wo Besucher bei freiem Eintritt asiatische Kunst, britische Malerei und französische Präimpressionisten bewundern können. Zudem gibt es eine große Kollektion zeitgenössischer Haute Couture. Jeden Tag führen Freiwillige durch die Sammlung, auch diese Touren kosten nichts. Das Schwesternhaus auf der anderen Uferseite fokussiert sich auf zeitgenössische Kunst aus Australien. Wer mehr über die Geschichte der Stadt erfahren möchte, sollte das Melbourne Museum in den Carlton Gardens aufsuchen. Mittelpunkt ist ein begehbarer Urwald, in dem Besucher mehr über das fragile Ökosystem Australiens erfahren. 

Fleischlos essen, lange feiern

Bewusste Ernährung

Nicht nur an den belebten Ausgehstraßen wie der Smith oder der Brunswick Street, überall in der Stadt finden Veganer fleischlose Restaurants und Imbisse. Um einen Überblick zu bekommen, kann man sich Dan Ivers anschließen. Jeden Tag führt er Interessierte drei Stunden durch die Stadt. Auf Ivers' Route liegen das Transformer, ein hochpreisiges, veganes Restaurant in einem ehemaligen Umspannwerk, die Eisdiele Girls & Boys (382A Brunswick St) und Imbisse wie der israelische Tahina (362 Brunswick St). Am Wochenende treffen sich die Tierfreunde zum Ziegenstreicheln im umgewidmeten Abbotsford Convent, einem Klostergelände außerhalb des Zentrums – eine halbe Stunde mit dem Fahrrad, und man kann unter Eukalyptusbäumen entspannen.   

Wilde Welten

Echte Wildnis erlebt man rund 160 Kilometer südlich von Melbourne im Wilsons Promontory National Park. Dutzende Wanderrouten führen durch das 500 Quadratkilometer große, bergige Naturschutzgebiet, in dem Kängurus, Emus und Wombats leben. Dichter an der City liegen die Yin Yangs, ein kleines Schutzgebiet für Koalas und Kängurus. Mehrstündige Ausflüge in kleinen Gruppen organisiert etwa Echidna Walkabout. Zum Konzept des Veranstalters gehören Naturschutzmaßnahmen zum Mitmachen. Gäste sammeln verbranntes Holz vom Boden auf, helfen dabei, invasive Pflanzen auszureißen oder die Tierwelt zahlenmäßig zu erfassen.

Großer Pop

Das Arts Center verfügt über einen Schatz der Popkultur: Kylie Minogues Showgarderobe, fast alles also, was sie je bei Videodrehs und auf Konzerten getragen hat. Die Sängerin stammt aus einem wohlhabenden Vorort und ist Melbournes wohl berühmtester Kulturexport – sie lebt in London. Berühmt wurde Kylie Minogue als Teenagerin mit ihrer Rolle in der Fernsehserie Neighbours, die in der Stadt spielt. Und jedes Jahr kehrt sie zu ihren Wurzeln zurück. Natürlich empfangen die Einheimischen ihre Queen of Pop mit einer großen Party, so wie zuletzt bei ihrem Open-Air-Konzert im März. Die Schwulenbar Sircuit (103-105 Smith Street) huldigt ihrer verehrten Kylie zudem in unregelmäßigen Abständen mit der Kylie-Pop-up-Bar, bei der Dragqueens ihre Songs singen: La, la, la, la, la, la, la, la. 

Grüne Lungen

Wenn Melbournians ausgehen, kann das einfach heißen: sie gehen in den nächsten Park. Dort joggen sie, spielen Footy (eine Art Rugby) oder sie grillen. Entlang des Yarra River, zwischen Arts Center und Botanischem Garten, hat die Stadt feste Grills installiert, an denen die Menschen ihr Barbecue zubereiten. An einem lauen Abend erfährt man, wie vielschichtig Melbourne ist. Man sieht vietnamesische, griechische, angelsächsische Großfamilien und Freundeskreise. Mit Blick auf die Skyline lassen die Einwohner die Woche ausklingen, Krabben, Zucchini, Steaks, alles landet auf dem Rost. Nach dem Fest nehmen sie ihren Müll sehr zuverlässig wieder mit – die sauberen Parks sind sicher auch ein Grund für die hohe Glücksquote.  

Lange Nächte

Freitagabend an der Kreuzung von Gertrude und Smith Street, dem Herzstück des Ausgehviertels Fitzroy. Vor dem Beer Garden stehen Studenten mit großen Gläsern, um die Ecke im Yah Yah's spielt eine junge australische Band und ein paar Meter weiter im Grace Darling Hotel tanzen ein paar junge Menschen zu Elektrobeats. Und das bis drei oder vier Uhr morgens. Klingt für Mitteleuropäer wenig aufregend, doch genau darauf sind die Menschen in Sydney besonders neidisch, wo vor fünf Jahren die sogenannten lockout Laws in Kraft traten. In die Clubs kommt man in Sydney nur noch bis halb zwei, Alkohol gibt es bis drei Uhr. In Melbourne lachen sie darüber – und feiern weiter.