Lange Zeit spielte die drittgrößte Stadt Sachsens kaum eine Rolle im öffentlichen Bewusstsein. Seit den rechtsextremen Ausschreitungen im Sommer 2018 und den anschließenden Protesten und Demonstrationen kennt sie jeder. Die Stadt ist zum Synonym für den Rechtspopulismus in Deutschland geworden. Bei der Landtagswahl Anfang September stimmte ein Viertel der Chemnitzer Wähler und Wählerinnen für die AfD. Nun reicht die Stadt Ende des Monats ihre Bewerbung für den Titel "Kulturhauptstadt 2025" ein. Ist das der richtige Zeitpunkt, um sich zu bewerben? ZEIT ONLINE hat mit dem Bewerbungschef und Leiter des städtischen Kulturbetriebs, Ferenc Csák, über die Chancen und Risiken gesprochen.

ZEIT ONLINE: Herr Csák, was erhofft sich Chemnitz von dem Titel "Kulturhauptstadt"?

Ferenc Csák: Nicht nur der Titel kann einen Ort verändern. Bereits die Vorbereitungsphase kann einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung einer Stadtgesellschaft haben. Das hat man 2013 zum Beispiel in Marseille gesehen, wo es gelungen ist, abgespaltene Stadtteile und ihre Bewohner wieder zu integrieren. Es geht längst nicht mehr nur darum, mit diesem Titel die kulturelle und städtebauliche Infrastruktur einer Stadt aufzuwerten. So ein Titel ist vor allem eine Chance, endlich gesellschaftspolitische Zusammenhänge aufzuzeigen, Probleme anzusprechen und Lösungen für sie zu finden. Und in dieser Hinsicht hat Chemnitz einen großen Bedarf.

Ferenc Csák, geboren 1974, ist Leiter des Kulturbetriebes der Stadt Chemnitz und verantwortet den Bewerbungsprozess. Vor seinem Umzug nach Sachsen war Csák als Regierungsbeauftragter für die Kulturhauptstadt Europas 2010 im ungarischen Pécs sowie als Staatssekretär in Ungarn tätig. Von 2010 bis 2012 war er Generaldirektor der Ungarischen Nationalgalerie in Budapest. © Kristin Schmidt

ZEIT ONLINE: Der Titel bedeutet in den meisten Fällen auch: mehr Touristen. Wie geht es dem Tourismus in Chemnitz in diesen Tagen?

Csák: Chemnitz war nie eine touristische Metropole und fällt als Tourismusstandort kaum auf. Chemnitz ist ein Wirtschaftsstandort.

ZEIT ONLINE: Die Stadt hat seit dem Mord an Daniel H. im vergangenen Sommer und den darauffolgenden Ausschreitungen keinen guten Ruf. Demonstrationen von rechtsextremen Gruppierungen sind ein Teil des Stadtbildes geworden. Bei den Landtagswahlen hat die AfD auch in Chemnitz erfolgreich abgeschnitten und wurde zweitstärkste Partei. Ist das ein günstiger Zeitpunkt für so eine Bewerbung?

Csák: Die Bewerbung einer Stadt richtet sich weder nach tagespolitischen Ereignissen, noch orientiert sie sich an Wahlen. Die Vorbereitungen dauern mindestens acht Jahre und durchlaufen mehrere Legislaturperioden. Das heißt natürlich nicht, dass wir die Ereignisse, die in dieser Zeit passieren, nicht mitberücksichtigen. Im Gegenteil, der Titel unserer Bewerbung heißt "AUFbrüche. Opening minds. Creating spaces." und bezieht die Ausschreitungen und Geschehnisse im August 2018 bewusst mit ein. Wir finden: Das war ein symptomatisches Ereignis, das nicht nur Chemnitz betrifft, sondern im europäischen Kontext gesehen werden muss. Gesellschaftspolitische Unruhen und Spaltungen existieren ja in ganz Europa. Überall fragt man sich: Woher kommt das? Was könnten Lösungen sein? Wir wollen mit unserer Bewerbung Antworten geben.

ZEIT ONLINE: Können Sie das genauer erklären?

Csák: Wir glauben, vieles, was Städte wie Chemnitz in Mittel- und Osteuropa gegenwärtig umtreibt, lässt sich mit der Frage beantworten: Wie hat sich die Stadt und ihre Gesellschaft mit der eigenen Geschichte auseinandergesetzt? Ist die Geschichte aufgearbeitet? Unsere Bewerbung soll blinde Flecken aufdecken und einen echten Aufarbeitungsprozess anstoßen. Nur so können aus den Geschehnissen auch Lehren für die Zukunft gezogen werden. Wir haben dafür drei Schwerpunkte festgelegt: Arbeit, Spuren und Räume. Im Bereich Spuren wollen wir zeigen, woher die Stadt kommt und welche Merkmale sie mitbringt. Umbrüche sind dabei ein wichtiges Thema. Allein in den vergangenen drei Jahrzehnten ist viel passiert: Chemnitz musste seinen Namen ändern, sich in ein neues Gesellschaftssystem einfinden und mit Abwanderung und Zuwanderung auseinandersetzen.

ZEIT ONLINE: Und was heißt das in der Praxis? Können Sie einen Lösungsansatz für Chemnitz benennen?

Csák: Ein Lösungsansatz ist zum Beispiel, die vielen Brachflächen und ungenutzten Plätze wiederzubeleben, die durch den Zweiten Weltkrieg oder die Wende entstanden sind. Wir wollen diese Orte neu gestalten, durch urbanen Gartenbau oder Veranstaltungsreihen, und vor allem die Bewohner und Bewohnerinnen bei der Planung einbeziehen. Wir möchten Stadtteile zusammenbringen und mit ihnen überlegen, wie eine aktive Kommunikation im Viertel gelingen kann. Für uns ist deshalb auch der Prozess der Bewerbung am allerwichtigsten. Das Jahr 2025 wird sich nicht durch Produktionen auszeichnen. Natürlich wird es Highlights wie große Ausstellungen geben, aber im Mittelpunkt steht die Diskussion europäischer Fragen.