Die Stadt hielt die Luft an. Keine Bahnen fuhren, keine Busse, keine Autos. Der Himmel war immer noch knallblau, aber die Flugzeuge waren verschwunden. Ein schweigender Trauermarsch zog zurück über die Brücken nach Brooklyn. Die Menschen zuckten zusammen, wenn über unseren Köpfen Tauben flatterten. Man rechnete immer noch mit dem Schlimmsten, aber man wusste nicht, was das Schlimmste sein würde.

In den Tagen danach überlegten fast alle, die Stadt für immer zu verlassen, aber die meisten blieben. Wir saßen auf den Dächern der Häuser am Fluss, tranken Dosenbier, starrten verwirrt auf die Rauchwolke über Manhattan. Wir ahnten, dass es die Welt, wie wir sie bisher kannten, nicht mehr geben würde. Ich kann mich bis heute an kleinste Details dieser Tage erinnern, an ein lilafarbenes T-Shirt, an das Etikett einer Flasche Red Stripe, an Seths Frisur und meine Zahnschmerzen, an den Blick vom Dach unseres Hauses und die Rauchwolke. Die Fernsehbilder in Endlosschleife. Noch heute texte ich an jedem 11. September mit den Menschen, die damals dabei waren: Mark, Kika, Erin. Wir reden kurz über jene Tage, an denen sich unsere Welt verformte, an denen wir ein klein wenig ernster wurden, unsicherer, schuldbewusster vielleicht, erwachsener. Wir alle wissen genau, wie es war, obwohl wir nur am Rand gestanden haben.

In der Psychologie nennt man dieses Phänomen "Flashbulb Memories": emotionale, detailreiche Erinnerungen an Weltereignisse, die immer wieder aus den Tiefen des Gedächtnisses hervorgeholt werden. Gewollt oder ungewollt. Erinnerungen, die lebhafter werden, je öfter man sich erinnert, je häufiger man von ihnen erzählt. Die Ermordung Martin Luther Kings. Das Attentat auf John F. Kennedy. Die Anschläge des 11. September soll ein Drittel der gesamten Weltbevölkerung live wahrgenommen haben. Zwei Milliarden Menschen, die zusahen und wussten, dass etwas Weltveränderndes geschah.

Darüber denke ich nach, als ich Ground Zero erreiche: Kann ein Museum einem solchen Weltereignis überhaupt gerecht werden? Wo die beiden Türme standen, befinden sich jetzt zwei gigantische, maßgenaue Fußabdrücke. In die zwei riesigen Becken stürzen die größten von Menschen gemachten Wasserfälle Nordamerikas, schlicht und eindrücklich, ihr Rauschen verschluckt den Lärm New Yorks. Ringsherum sind Bäume gepflanzt worden, sie wachsen in aller Ruhe und Kraft. Die Stadt, die kracht und lärmt und niemals schläft, ist hier konzentriert und leise. Man kann sich kaum eine eindrücklichere Art der Denkmalwerdung vorstellen.

Auf die Brüstung um die Becken sind die Namen sämtlicher Todesopfer der Anschläge des 11. September geschrieben, ein Mädchen, vielleicht sieben Jahre alt, liest langsam einen nach dem anderen vor: "Robert G. LeBlanc", liest sie, "Lisa Frost, Maclovio Lopez Jr., Juliana Valentine McCourt." Die Umstehenden hören zu, sie warten auf den nächsten Namen, aber dann wird das Kind von seinem Vater ermahnt. "Sei leise", zischt er. "An diesem Ort zeigt man Respekt!"

Das Museum selbst ist gegenüber der schlichten Wucht dieses Memorials fast unscheinbar. Denkt man zumindest, wenn man vor dem gläsernen Pavillon steht. Kleiner als das Metropolitan Museum, nicht so spektakulär wie das Guggenheim, keine Institution wie das Museum of Natural History. Während ich zwischen den anderen Touristen durch die Sicherheitskontrolle geschleust werde, rechne ich mit oberflächlichen Heldengeschichten und amerikanischen Flaggen.

Das 9/11 Memorial mit seinen Wasserfall-Becken wurde am zehnten Jahrestag der Zerstörung des World Trade Center eröffnet, das Museum folgte knappe drei Jahre später nach einer kontroversen Bauphase, in der sich Stadt und Betreiberstiftung über Finanzierung und Ausrichtung der Gedenkstätte stritten. Das Architekturbüro Snøhetta entwickelte den oberirdischen Pavillon, der an ein gefallenes Gebäude gemahnen soll. Architekten von Davis Brody Bond entwarfen das unterirdische Museum, das die Besucher bis auf das tiefste Fundament des ehemaligen World Trade Center führt.

Sobald man jedoch die Eingangshalle betritt, wird einem schnell klar, dass es sich bei diesem Museum nicht um amerikanischen Firlefanz handelt, sondern um eine internationale Gedenkstätte, die sich einem Weltphänomen widmet. Angehörige von 93 Staaten kamen am 11. September ums Leben, die 93 Flaggen ihrer Heimatländer hängen über den Köpfen der Besucher. Gleich vis-à-vis: zwei der berühmten stählernen Gabelstücke, die das Erscheinungsbild des WTC prägten, riesig und rostig vor einer Glasfront, die den Blick auf den neuen Daniel-Libeskind-Turm auf der anderen Seite der Plaza freigibt.

In den Bauch des Museums führt eine dunkle Edelholzrampe. Sie ist uneben, einem Zufahrtsweg für Räumfahrzeuge ähnlich. Unsicher läuft man vorbei an einem letzten Bild der intakten Türme, aufgenommen von Brooklyn aus, um genau 8.45 Uhr. Dann folgt eine Audiocollage erschrockener Stimmen, ein Sprachgewirr, dann Bilder von schockierten Gesichtern, und gerade als man sich fragt, ob es das bereits gewesen sein könnte, öffnet sich der Raum: Unter uns liegt Ground Zero.