Es ist, als wäre man im Innern der Erde angekommen. Links wird die sogenannte Foundation Hall begrenzt von einem unterirdischen Wall, der das Wasser des Hudson River immer noch aus dem Fundament hält, rechts glitzert riesig und hell die aluminierte Außenseite des Memorial-Beckens. Es ist eigentümlich still. Die Rampe führt am Rand der Ausgrabungshalle hinunter zur letzten übrig gebliebenen Säule der einstmals gigantischen Gebäude. Wo früher einmal Parkdecks, Geschäfte, Restaurants waren, wo Aufzüge und Züge fuhren, sind jetzt nur noch Rost und Stahl und Stein. Man spürt die Abwesenheit. Man ahnt Knochen und Tränen und Schmerz.

Das Museum überwältigt seine Besucher. Zunächst erzählen noch große und intellektuell irgendwie fassbare Artefakte von der Zerstörung der Gebäude. Man starrt auf ein zehn Meter hohes Stück Stahl aus dem Nordturm, von Wucht und brennendem Kerosin des ersten Flugzeugs krumm gebogen. Einen Leiterwagen der Wache 3, die Frontseite förmlich püriert von heißen Trümmern. Der staubige Helm von Captain Paddy Brown. Ein riesiges Stück der Antenne des Nordturms, die um 10.28 Uhr aufhörte zu senden.

Nun geht das Museum mit uns Besuchern ins Detail, langsam bewegen wir uns die Zeitleiste der Zerstörung entlang. Zunächst betrachten wir die Artefakte des Alltags: Zugfahrkarten, Tageszeitungen, Tickets für das Spiel der Yankees gegen die Chicago White Sox. Den Tagesplan des damaligen Bürgermeisters Giuliani. Dann hören wir die Telefonanrufe aus den gekaperten Flugzeugen, Abschiedsnachrichten auf Anrufbeantwortern, die Panik in den Stimmen, die Verzweiflung der toten Leitungen. Wir hören die ersten Radiomeldungen. Wir stehen in abgedunkelten Räumen, damit man unsere Tränen nicht sieht.

Aus viel wird zu viel, die Alltagsgegenstände werden Reste verschwundener Leben. Schuhe sind verstaubt, Brillen zerbrochen, T-Shirts zerrissen, Flaggen versengt. Wir sehen Fotos von fallenden Menschen, Büropapier wie Herbstlaub, Trümmer und die giftige Staubwolke, die durch eben jene Straßen walzt, durch die wir heute morgen hierherspaziert sind. Feuerwehräxte, blutige Handschuhe, später die Suchanzeigen an den Laternen. Es sind Bilder und Dinge, die wir kennen. Ganze Kleiderständer verstaubter Oberhemden, Blumen vor den Feuerwehrstationen, Notizblöcke, Einstecktücher, Kinderbilder, defekte Taschenrechner, ausgelaufene Batterien.

Sogar die Astronauten der ISS haben den Moment der Zerstörung fotografiert, wir sehen von oben auf den Wandel der Welt. Jeder noch so winzige Gegenstand hat seine Geschichte, und die schiere Menge ist erdrückend. Jetzt ist die Ausstellung überwältigend, sie überfordert mit voller Absicht, sie hört einfach nicht auf. Man würde gern gehen, aber man bleibt und begreift: Wo andere historische Museen das Vergangene bewahren wollen, wird hier das Vergehen und Verschwinden ausgestellt.

Das National September 11 Memorial Museum hat tausend Funktionen: Man kann sich über die Türme, ihren Bau und ihre Bedeutung informieren. Man kann sie kulturell, politisch und ökonomisch verstehen. Man kann versuchen, die Logik ihrer Zerstörung nachzuvollziehen, ihre perfide akribische Logistik. Man kann sich von der Tragweite der Ereignisse übermannen lassen. Man kann sich in den Details verlieren. Man kann der Toten gedenken.

In der Memorial Hall herrscht Stille. Der separat gehaltene Museumsteil ist ein Schrein für die Verstorbenen. Man betritt eine quadratische Halle, die vom Boden bis zur Decke behängt ist mit Porträts: lachende Gesichter, Passfotos, Bewerbungsbilder. Namen über Namen. Daniel van Laere. Brenda E. Conway. Howard Kirschbaum. An Computerterminals kann man ihre Lebensläufe aufrufen, ihre Geburtsdaten. Nur der Todestag ist immer gleich. Man kann kurze Filme und Diashows abspielen, die in einem abgedunkelten Raum in der Mitte der Halle projiziert werden.

Eine Jukebox der Vergänglichkeit, kaum zu ertragen, kaum zu begreifen, nicht auszuschalten. Als das Haus schließt und wir zum Ausgang gebeten werden, bleibe ich noch kurz vor einem Kunstwerk stehen. Der Künstler Spencer Finch hat an einer riesigen Wand für jeden einzelnen Toten eine Pappkachel aufgehängt. In allen wasserfarbigen Schattierungen von Blau, jedes einzelne Leben mit seinem eigenen Ton. "Trying To Remember the Color of the Sky on That September Morning" heißt das monumentale und gleichzeitig sehr persönliche Werk, und mir wird klar, dass es das ist, was dem Museum so irrsinnig gut gelingt: Man versucht, sich zu erinnern. Teilzuhaben an den Erinnerungen der anderen. Zu begreifen. Das Blau. Den Tag. Das Vorher und das Nachher, das Damals und das Jetzt.

Draußen an den riesigen Becken, wo einmal die Türme standen, liest ein kleiner Junge die Namen auf der Brüstung vor, einen nach dem anderen. Niemand ermahnt ihn, die Namen stehen dort, um genannt zu werden. Man blinzelt in die Sonne, der Himmel ist jetzt klar und blau. Severe clear. Man sieht die Welt mit anderen Augen. Mehr kann ein Museum kaum erreichen.