Der Berg kündigt sich in Hügeln an. Wie gigantische Schlapphüte ragen sie aus der Landschaft an den Ausläufern des Ätna, als ob da eine Armada von Riesenräubern unter der Erde lauert, bereit, im richtigen Moment ihre Deckung zu verlassen. Verwunschen sieht das aus, grün und fruchtbar, mit dem Berg als Zentrum. Dazu die vielen kleinen Orte, die unentschlossen an seinen Flanken kleben, bloß nicht zu weit rauf, aber trotzdem nah genug. Abstand halten, Respekt zollen und trotzdem bei ihm sein.

Es gibt einen alten Brauch der Leute hier: Wenn der Berg seine Flanken aufreißt und sich die rot glühende Lava den Hang runterschiebt, 1.100 Grad heiß, drei Tonnen pro Kubikmeter schwer, unaufhaltsam. Verlassen die Menschen deswegen ihr Haus, um sich in Sicherheit zu bringen, dann ist es Sitte, zuvor noch den Tisch zu decken. Mit Tischdecke, einer Flasche Rotwein in der Mitte – und einem Teller mehr als Bewohner im Haus leben. Die Lava wird empfangen wie ein Gast. Mongibello wird der Ätna hier genannt, zusammengesetzt aus dem italienischen monte und dem arabischen dschebel. Beides heißt Berg. Bei Dante noch das Inferno, lesen ihn viele Menschen heute als monte bello, schöner Berg.

Unten an der Südflanke des Ätnas, in Pedara, führt Alfio Petralia durch seinen mit Dutzenden Lavaskulpturen vollgestellten Garten: der Brunnen, die Bank, die Mauern, allesamt aus Vulkangestein. Er nimmt eine seiner Figuren hoch. Ein Eidechsenkopf ist auszumachen, so groß wie ein Fußball, mit Auge, Schnauze und einzelnen Linien wie Schuppen. Ein Stein, hervorgeschleudert vom Berg vor Hunderten von Jahren. Er selbst, sagt Alfio, habe daran gar nicht viel gemacht. Er dreht ihn in der Hand, eine Vierteldrehung und noch eine. Und nacheinander erscheinen ein Falke, der seine Beute erlegt, eine hängende Fledermaus, dann wieder der Eidechsenkopf. "Alles hier ist eine Frage der Perspektive."

Alfio Petralia, 66, sammelt seit 50 Jahren Lavaformationen. Er schleppt die Steine den Berg runter, kilometerweit, manchmal in Etappen, weil sie zu schwer sind. Für ein 60-Kilo-Exemplar, das heute als Skulptur zwei Liebende zeigt, hat er fast drei Jahre gebraucht. Stückchen für Stückchen, nur ein paar hundert Meter pro Tour, bis der Rücken schmerzt. Was ihm der Vulkan bedeutet? Er stellt das Fledermaus-Falken-Eidechsen-Stück zurück. "Angstliebe", sagt er, "das war es immer. Mit den Jahren aber ist meine Angst kleiner geworden. Die Gesichter oben sind die gleichen geblieben: gut und böse." 

Wie leben die Menschen hier mit dem Mongibello? Diesem "Bergberg" mit den zwei Gesichtern: Mit der Asche, die nährstoffreiche Mineralien in alle vier Himmelsrichtungen trägt. Mit der Lava, die fruchtbare Hänge und Täler für Hunderte von Jahren in Mondlandschaften ohne jedes Leben verwandelt.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 06/2018 © MERIAN

Jeder und alles hier am Hang hat seine eigene Geschichte mit dem Berg. Von der Gondelbahn auf der Südseite, die 2002 komplett zerstört wurde und deren grüne Stahlträger heute schief und unverbunden aus der Lava ragen, 20 Meter neben der neuen Gondeltrasse. Über die Schneesammler, die nevaioli, rund um das Örtchen Fornazzo an der Ostseite, die Jahrhunderte lang Eisblöcke vom Gipfel des Ätna verkauft haben. Die eigens dafür gebaute Lastenseilbahn wurde nach nur sechs Jahren bei einer Eruption 1928 vernichtet. Bis hinunter ans Meer, zur 300.000-Einwohner-Stadt Catania, die 1669 bei einem Ausbruch größtenteils zerstört wurde. Beim Castello Ursino kann man noch heute den mit Lava vollgelaufenen Burggraben besichtigen. 122 Tage lang floss die Lava den Berg hinunter, durch die Stadt bis ins Meer hinein in einem 25 Meter breiten Strom. Die zwei Krater, die sich damals bildeten, hießen einst "Zerstörer". Heute werden sie "le tette di Sophia Loren" genannt: Berge wie Filmstarbrüste. Alles eine Frage der Perspektive.

Es ist ein komisches Gefühl, hier zu wandern, den Blick auf dem Boden, auf jeden Tritt achtgebend. Was hält? Wo beginnt etwas zu rutschen? Man kommt sich fremd vor, es geht über schwarze Sandhügel, schmale Kraterränder, Schneefelder, die von Asche gesprenkelt sind wie Stracciatella-Eis.

Der Astragalo siculus wächst nur auf dem Ätna. Er ist eine der wenigen Pflanzen, die bis auf 2.400 Meter zu finden sind, eine der ersten, die auf dem Lavageröll überhaupt Halt findet. Zur Blütezeit im Juli explodieren die Pflanzen für ein paar Tage in strahlendem Violett, verwandeln die Berghänge in ein Monet-Gemälde: eckig, leuchtend, kontrastreich. In Kissen setzen sie sich fest, Hunderte Pflanzen aneinander, pelzig sieht das aus, weich, fast fluffig. Wem das wie eine Einladung vorkommt, sich mal eben hinzusetzen, der weiß kurze Zeit später, woher diese Pflanze ihren Spitznamen hat. Das "Schwiegermutterkissen" birgt nagellange Stacheln, ziemlich viele.