Wenn jemand helfen kann, dann mein Cousin Silvério. Silvério, der in Quarteira wohnt, in der Urlaubshochburg an der Algarveküste, die in jedem Sommer, selbst kaum 25.000 Einwohner, auf ein Vielfaches ihrer Größe anschwillt. Wir sind auf der Suche nach dem schönsten Strand in Portugals Süden und brauchen seinen Rat. Wir: meine Frau und ich, unsere Jungs, 14 und 9 Jahre alt. Die Aufgabe ist nicht leicht: Die Algarve hat mehr als 100 "ausgedehnte Sandbereiche", wie das dortige Tourismusbüro mitteilt, ihre Küste zieht sich 155 Kilometer von Ost nach West und von da aus noch einmal 52 Kilometer Richtung Norden. Eine ziemlich lange Strecke. Da kann man Hilfe gebrauchen. Familiäre Hilfe.

Seit ich vor 18 Jahren in meine portugiesische Familie hineingeheiratet habe, bin ich meinem Cousin Silvério zwei-, dreimal begegnet, aber seine Antwort kommt rasch: "Praia do Farol. Das Beste für Familien."

Würde man von oben auf die Küste der Algarve blicken, sähe man leicht rechts Faro, die Hauptstadt der Region, daneben Olhão und davor drei Inseln, die sich wie eine Sichel im Meer biegen. Über die rechte davon, die Ilha da Culatra, laufen wir gerade zur Praia do Farol. Barfuß über schmale Holzplanken, dann über weißen Sand und kleine Dünen, bis sich nur noch der Atlantik in sanften Wogen ans Ufer wirft. Am Rand der Insel erhebt sich der Leuchtturm, farol im Portugiesischen, der dem Strand den Namen gibt, 1851 erbaut, 47 Meter hoch, ein weißer Kegel mit rotem Kopf. Unsere Jungs hüpfen in ihre Badehosen und sofort ins kristallklare Meer.

Meine Frau und ich legen uns derweil in den Sand und lauschen dem Rauschen des Meeres. Kaum ein Mensch ist zu sehen, nur dort hinten, bei den weißen Häusern der Fischer, liegen sie unter bunten Sonnenschirmen. Wäre man genügsam, könnte man die Suche jetzt abbrechen. Später dann, wenn unsere Jungs mit aufgeweichter Haut in ihre Klamotten geschlüpft sind, nehmen wir die Fähre zurück in die Fischerstadt Olhão und essen dort nahe der Markthalle mit den roten Ziegeln Bacalhau à Gomes de Sá, Stockfisch mit Kartoffeln und Ei und Oliven. Mission erfüllt! Silvério hat eine gute Wahl getroffen: Die Praia do Farol ist ein Traumstrand.

Aber was wäre dann mit all den anderen Stränden? Mit den kleinen, großen, belebten, verlassenen? Schließlich habe ich noch den Rest meiner Familie nach ihren Lieblingsstränden gefragt. Ein übereifriger Fehler, jetzt stehen 16 weitere Orte auf unserer Liste. Also lassen wir die östliche Algarve hinter uns, die fernen Strände von Monte Gordo, Manta Rota und Fuseta, den Naturpark Ria Formosa mit seinen Sandbänken, Lagunen und Flüsschen, wo sie noch immer den Cão de Água züchten, den zotteligen Wasserhund, der Thunfisch jagen und Menschen aus der Tiefe des Meeres retten kann.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 06/2019 © MERIAN

Wir treiben weiter nach Westen, vorbei an Vilamoura mit seinem Yachthafen, vorbei an Albufeira, der Partystadt mit ihren Bars, Kneipen und Diskotheken. Biegen ein paar Kilometer später ab Richtung Meer, dem Tipp von Tó Zé entgegen, meinem Cousin aus Lissabon. "Wir Lissabonner", hatte er gesagt, und seine Stimme klang dabei seltsam verschwörerisch, "wir mögen es gern praktisch." Heißt: Parkplatz direkt am Strand und warmes Wasser, weshalb es gut ist, wenn das Ufer flach abfällt. Sein Vorschlag: die Praia dos Salgados.

Wir rollen an einem Golfplatz vorbei, an Hotels links und rechts der Straße, die den Blick aufs Meer verstellen, leider. Tatsächlich gibt es einen Parkplatz fast schon im Meer, und dann dehnt sich auch schon weiß und breit der Strand. Trotzdem bleiben wir nur kurz – zu nüchtern, fast ein bisschen langweilig wirkt dieser Strand, obwohl Tó Zé mit allem recht hatte. In der Hochsaison würde man hier kaum einen Platz bekommen, aber jetzt stört uns schon, dass die Hochhäuser der Touristenstadt Armação de Pêra in Sichtweite aufragen.

Unser nächstes Ziel: Benagil nahe Carvoeiro. Der Tipp von Tante Eulália aus dem Alentejo. Kein Geheimtipp, aber ein Klassiker. Eine schmale, steile Straße windet sich hinab zum Meer, links und rechts erheben sich felsige Wände, an die sich zwischen Pinien, Oleandern und Agaven flache Häuser schmiegen, und von oben dringt das Wummern eines Presslufthammers herunter; es wird viel gebaut in Benagil. Unten, am Ufer, liegt ein Boot neben dem anderen, daran läuft man vorbei, biegt nach links und staunt: Vor uns öffnet sich eine sandige Bucht, eingefasst von hohen ocker leuchtenden Felsen, das Meer platscht aufgeregt vom Wind getrieben in kräuselnden Wellen ans Ufer. An der Küste schippern Ausflugsboote entlang, eine Gruppe Paddler zieht vorüber. Es wimmelt von Urlaubern und Badenden, vor dem Häuschen des Bootsverleihs steht eine lange Schlange Wartender. Alle haben nur ein Ziel: die Gruta de Benagil, die schönste Grotte an der ganzen Algarveküste.