Manchmal kann das Allgäu auch eine Gratwanderung sein – wie hier am Hochgrat, dem 1.833 Meter hohen Hausberg von Oberstaufen. © Tim Langlotz für MERIAN

Es war Sommer, Urlaubszeit. Wie meist in meiner Kindheit verbrachte die Familie diese Zeit in meiner Urlaubsheimat, im Allgäu. Ich war sieben oder acht Jahre alt, und wie alle kleinen Kerle damals, Anfang der 1960er, lief ich tagaus tagein in kurzer Lederhose herum. Ich wanderte über eine mit Kuhfladen besprenkelte Weide, wie immer auf der Suche nach Fröschen. Frösche, das war wie ein aus grauer Vorzeit herrührendes instinktives Verhalten, mussten gefangen werden. Ich bewahrte sie dann eine Weile in der Hand. Versuchte, sie zu füttern, baute ihnen Segelboote, wollte sie als Haustiere halten. An diesem Tag jedoch stieß ich auf eine andere Kategorie von Tieren. Ich trat in das Nest von Erdwespen.

Es dauerte drei Stiche lang, bis ich begriff. Dann rannte ich schneller als Armin Hary, der wenige Jahre zuvor als erster Sprinter die 100 Meter in zehn Sekunden gelaufen war. Mein Ergebnis war auch imposant: zwölf Stiche in vier Sekunden. Und ein paar weniger erholsame Urlaubstage.

Gunzesried hieß unser Dorf auf 900 Meter Höhe, zwischen Kempten und Oberstdorf oberhalb von Sonthofen gelegen. Seltsam, dass meine älteste Erinnerung an Gunzesried eine äußerst schmerzhafte ist. Doch so funktioniert Erinnerung. Das zweite Erlebnis, das ich mit dem Allgäu auf immer verbinden werde, hat ebenfalls wenig mit dem Klischee zu tun, mit den grünen Matten, dem grauen Fels, dem blauen Himmel. Es geht um einen Sturz. Meine Eltern, Bergfexe sondergleichen, fanden nichts dabei, mit allen fünf Kindern, auch den Kleinsten, herausfordernde Touren zu unternehmen.

Ein Muss war der Heilbronner Weg, eine Kletterpartie, die über die Enzianhütte, die Rappenseehütte und die Kemptener Hütte führt. Am Einstieg passiert man heute ein Schild, das auf die Unerlässlichkeit von Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und Bergerfahrung hinweist. Damals war da kein Schild.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 07/2017 © MERIAN

Droben auf der Höhe lag noch Schnee. Wir wanderten über einen langen Grat mit beeindruckenden Steilabfällen rechts und links. Dann durch ein Feld aus krustigem Altschnee. Ich, wie es meine Art war, verließ den Weg und stapfte durch den Schnee. Plötzlich war ich weg. Ich war in eine Spalte gefallen. Nicht sehr tief. Ich schrie. Mein Vater zog mich hervor. Weiter ging’s. Der echte Schrecken kam erst Jahre später, als ich das Wort Gletscherspalte kennenlernte und mir die möglichen Gefahren ausmalen konnte.

Mein Allgäu ist ein gefährlicher Ort, eine Herausforderung. Und ein nasser Ort. Wirklich schön wird es im Allgäu, wenn das Wetter schlecht wird. Das klingt paradox, ist aber einfach die Wahrheit. Der Ablauf ist stets der gleiche: Ein Gewitter rückt an. Es wird nicht dunkel. Es wird schwarz. Ferne Donnerstöße kommen näher. Blitze zucken. Es kracht und tost und explodiert, detoniert, randaliert, das Weltenende mahnt. Und dann schüttet es dermaßen wie aus Kübeln, dass man froh ist, wenn man ein Dach über dem Kopf hat.