Dies ist eine Geschichte über das Suchen und das Finden und das Glück, unterwegs vom Weg abzukommen. An ihrem Anfang klemme ich zwischen frisch gewaschenen Geschäftsreisenden in einem Flugzeug Richtung München, eine Unmenge Empfehlungen und einen knappen Zeitplan im Gepäck. An ihrem Ende werde ich im Schlauchlager der Freiwilligen Feuerwehr von Balderschwang im Oberallgäu sitzen und mit einem bärtigen Waldarbeiter in Lederhosen ein Bier trinken.

Am Ende liegt in der Luft der Duft von etwas, das man hier Krumme Hunde nennt. Ich werde mich verfahren und verlaufen haben. Am Ende ist das Allgäu anders als erwartet: rauer und wilder und schöner, im Nebel an den Hügeln läuten schwere Glocken, überall stehen Kühe und sehen uns zu. Ich werde froh sein, vom Weg abgekommen zu sein.

Aber der Reihe nach. Meine Reise ist gut vorbereitet, ich habe vier Tage Zeit. Ich komme mit tausend Tipps von Freunden, Redakteuren und Reiseführern. "Wandern!", sagen die einen, "Radfahren!" die anderen. "Geh essen! Trink Bier!"

Das Allgäu ist eine idealtypisch deutsche Landschaft mit einem ausgeklügelten Wegenetz aus Rad- und Wanderrouten. Es gibt exzellente Restaurants und urige Hotels, die meisten heißen "Zum Bären", "Zum Adler" oder "Zum Löwen", an den Türen prangen Auszeichnungen und Biosiegel und Verbandsmitgliedsplaketten. Es gibt die Etappen der 450 Kilometer langen "Radrunde Allgäu" und die "Wandertrilogie Allgäu" mit ihren fast 900 Kilometern Wegenetz, aufgeteilt auf drei Streckenprofile namens "Wiesengänger", "Wasserläufer" und "Himmelsstürmer".

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 07/2017. © MERIAN

Deutschlands äußerster Südwesten bietet eine aufs Beste durchdachte Tourismus-Situation, eine akribisch kultivierte Landschaft mit vielen Gesichtern: milde Wanderwege durch sanfte Hügel und anspruchsvollste Hochgebirgsrouten, halsbrecherische Downhill-Pisten für Mountainbiker und nachhaltige Naturerfahrungen, Spezialangebote für Allergiker, Omas auf E-Bikes und Japaner mit Teleobjektiven. Ich bin hier, um das alles zu sehen. Vier Tage kommen mir knapp vor.

Am ersten Morgen stehe ich Punkt zehn Uhr am Fahrradverleih in Lindenberg. In zwanzig Minuten will ich die bunt verschindelten Häuser von Scheidegg besichtigen, dann weiter Richtung Oberstaufen. Mittags möchte ich unbedingt die sauren Kutteln im Landgasthof Rössle in Stiefenhofen probieren. Ich trete in die Pedale und folge der Beschilderung. Ich nehme Tempo auf. Hinter dem Ortsausgang öffnet sich dann plötzlich der Blick.

Die Straße zieht sich über dem Tal entlang, auf der anderen Seite lauert ein Sommerregen. In kilometerweiter Entfernung wehen Regenschleier über die Hügel, hinter mir bricht die Sonne durch, und ein Regenbogen verwischt über dem Tal. Ich bleibe stehen, überrascht von diesem grandiosen Naturschauspiel. Ich stehe einfach in der Landschaft und starre minutenlang in den Himmel. Das war nicht vorgesehen, also springe ich aufs Rad und rase bergab, dann bergauf, irgendwo dort unten müssen Scheidegg und die bunten Schindelhäuser liegen. Aber der Fahrtwind duftet nach Heu, mein Keuchen fühlt sich plötzlich gesund an.