Das Apollo Theater in Harlem © Steffen Thalemann für MERIAN

Kei Yoneda sagt, es könne gut sein, dass er sich gleich übergeben müsse. Er tigert vor dem Getränkeautomaten auf und ab, nippt an seiner Wasserflasche, versucht sie abzuschütteln und runterzuschlucken, diese Angst. Gerade hat die Hausband ihre Eröffnungsnummer begonnen, und durch die Decke wummern die Bässe in den kleinen Green Room. Gleich zählt es. So lange schon träumt Kei davon, wie einst sein Idol Michael Jackson dort oben auf der Bühne zu stehen. Er, der 28-jährige Japaner, der in einer Autowerkstatt mit Reifenwechseln sein Geld verdient, will sich hier als Comedian beweisen – und trotzdem kriecht ihm jetzt das Lampenfieber eiskalt den Nacken hoch. "I am fucking nervous!", platzt es aus ihm hinaus.

Die anderen verstecken ihre Aufregung besser. Es ist Mittwochabend, und der Green Room des Apollo Theater ist wie jede Woche zum Bersten gefüllt mit Künstlern, die auf ihren Auftritt bei der "Amateur Night" warten. Da ist die Schlangenfrau, die sich Videos ihrer Showeinlagen auf dem Smartphone ansieht. Der Fußballakrobat, der noch einmal den Ball hoch hält. Der Breakdancer, der tiefenentspannt in einem der Sessel döst. Und vor einem der drei langen Wandspiegel steht Jamia Nicole und streicht sich dicke Schichten Make-up um die Augen. Die 27-jährige Afroamerikanerin unterrichtet Tanz, studierte selbst am renommierten Alvin Ailey American Dance Theater hier in New York, doch klar, ein bisschen nervös sei sie vor ihrem Auftritt schon, sagt sie. "Aber ich freue mich auch. Meine Familie und Freunde sitzen da oben."

Jamia lebt in Brooklyn, Kei in Osaka. Für sie war es eine U-Bahn-Fahrt mit dem A Train bis hierher, für ihn ein gut 15-stündiger Flug über einen Ozean und einen Kontinent. Sie haben sich nie getroffen, aber Jamia wählt die gleichen Worte wie Kei, um zu erklären, warum sie heute Abend hierher gekommen ist. "Ganz ehrlich", sagt sie, "das hier war schon immer mein Traum."

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 11/2018 © MERIAN

Dabei sieht das Theater auf den ersten Blick nicht sonderlich traumhaft aus, wie eingeklemmt liegt es zwischen einem Banana Republic Factory Store auf der einen Seite und dem Beautysalon Cinderella Eyebrows auf der anderen. Aber hinter dem roten Leuchtschriftzug versteckt sich eine der berühmtesten Bühnen Amerikas. Im Januar 1934 öffnete das Apollo Theater hier in Harlem seine Türen und entwickelte sich schnell zur Bastion afroamerikanischer Kultur. Wer jemand war, kam ins Apollo. Die größten schwarzen Künstler des 20. Jahrhunderts traten in dem Theater in der 125th Street auf, Billie Holiday genauso wie Charlie Parker oder Prince, die vielen Namen mit Plaketten verewigt auf dem Bürgersteig.

Und wer jemand werden wollte, kam erst recht, denn das Aushängeschild des Apollo war von Anfang an die "Amateur Night". Die Nacht, bei der bis heute Stars geboren werden. James Brown hat sie gewonnen, die Jackson 5 und auch eine junge Ella Fitzgerald. Der Legende nach wollte die damals erst 17-Jährige eigentlich eine Tanznummer aufführen, aber die steppenden Schwestern vor ihr waren so gut, dass sie der Mut dazu verließ. "Mach irgendwas!", rief ihr der Stage Manager zu. Also stimmte sie eine Jazznummer an. Nach den ersten Zeilen stand jemand im Publikum auf und brüllte: "Hey, das kleine Mädchen da kann singen!"

Die "Amateur Night" ist die Großmutter aller Castingshows. Und sie hat sich seit dem Abend, an dem Ella Fitzgerald hier ihre Bestimmung fand, kaum verändert. Okay, mittlerweile ist sie so bekannt, dass sie von Coca-Cola gesponsert wird und ihre eigene Fernsehserie namens "Showtime at the Apollo" inspiriert hat, aber die Gesetze der Show haben sich nicht groß gewandelt. Sänger, Tänzer, Komiker, Akrobaten – alle Entertainer können sich bewerben. Rund ein Dutzend darf dann jeden Mittwoch auftreten, aber über ihren Erfolg entscheidet keine Jury, sondern allein das Publikum im Saal. Das ist ehrlich, und es ist brutal.