Ein Bau, der weit über seine eigentliche Funktion hinausgeht: die Stadtbibliothek am Mailänder Platz. Die Fassade aus Glasbausteinen wird nachts von innen blau beleuchtet. © Horst und Daniel Zielske für MERIAN

Da steht man nun auf dem Turm, der zu Deutschlands umstrittenstem Bahnhof gehört, unter einem nimmermüde dahinrotierenden, weithin sichtbaren Mercedes-Stern. Unter sich dieses gigantische Loch, aus dem es wummert, hämmert, kracht und quietscht, eine der
größten Baustellen des Landes, die Bahnhof und Innenstadt verändern soll und Teil des Projekts "Stuttgart 21" ist.


Und drumherum die Stadt: vielspurige Straßen, massive Häuserblocks, ein Weinberg in Sichtweite, das Ganze eingefasst von grünen Hängen, gesprenkelt mit Villen – Szenerien, die ein durchaus ansehnliches, aber so gar nicht einheitliches Bild ergeben.

Überschaubar wirkt Stuttgart von hier oben. Und doch fällt es vielen Besuchern schwer, sich der Stadt zu nähern, ihr Ruf ist nicht der beste, gelinde gesagt. Dabei haben von jeher große Baumeister an ihrer Erscheinung mitgewirkt. Und dabei war und ist kaum ein Stadtbild so hart umkämpft zwischen Kräften, die es verändern und anderen, die den einen oder anderen Teil davon unbedingt erhalten möchten. "Stuttgart ist wie ein Archipel", sagt Klaus Jan Philipp, Professor für Architekturgeschichte. Die Inseln, das sind für ihn die guten Orte, von denen die Stadt einige habe und auch laufend welche dazugewinne. Doch selbst wenn man in der Nähe eines dieser Orte sei, fühle man sich oft weit weg. "Weil einige Straßen wie Mauern durch die Stadt gezogen sind. Man kann hier nicht flanieren."

Philipp lebt seit bald 30 Jahren in Stuttgart. "Ich habe das Gefühl, dass man sich hier lange nicht mit der Gestalt der Stadt auseinandergesetzt hat", meint er. Als er 1989 zum ersten Mal hergekommen sei, habe man ihm in der Touristeninformation nicht einmal sagen können, wo die Weißenhofsiedlung liegt. Heute steht sie auf der UNESCO-Welterbe-Liste und in jedem Reiseführer. Auch sonst sei ein neues Interesse für die eigene Stadt erwacht, meint Philipp. "Und ich glaube, das hat auch mit den Auseinandersetzungen um den Bahnhof zu tun."

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 04/2018 © MERIAN

Von seinem Büro in der Fakultät für Architektur und Stadtplanung ist es nur ein kurzer Weg zur größten Insel des Archipels – theoretisch. Praktisch muss man die mehrspurige Theodor-Heuss-Straße überqueren, die an einen Fluss erinnert, über den man so schnell keine Brücke findet. Die größte Insel ist der Schlossplatz, und sie liegt ungefähr da, wo Stuttgart seinen Anfang nahm. Der Name der Stadt kommt von "Stutengarten", die Stadt hat sich aus einem Pferdegestüt entwickelt, für das die Lage in einem weiten Kessel günstig gewesen sein mag. Für Stadtplaner war und ist sie eine Herausforderung.

Wer sich am Schlossplatz einmal um die eigene Achse dreht, hat gleich mehrere Meilensteine der Stadtentwicklung im Blick. Da ist das Alte Schloss, entstanden aus einer Burg, die im 13. Jahrhundert zum Schutz des Stutengartens gebaut wurde, heute Sitz des Landesmuseums. Da ist das dreiflügelige Neue Schloss, errichtet ab 1747, als das Alte Schloss den Ansprüchen von Württembergs Herrscher Carl Eugen nicht mehr genügte. Heute haben hier Finanz- und Wirtschaftsministerium ihren Sitz. Da ist der gläserne Kubus, in dem seit 2005 das Kunstmuseum zu Hause ist. Da ist die Königstraße, eine der längsten Fußgängerzonen Europas. Flanieren, hier geht das, für Stuttgart eine Ausnahme. Und so ist am Schlossplatz wie an nur wenigen Innenstadt-Plätzen zu jeder Tageszeit jede Menge Leben: Geschäftsleute machen Mittagspause, Familien picknicken, abends kommt sogar Partystimmung auf. Und an vielen Montagen sammelt sich hier der Protest.