Willkommen mit Parole: Am Ortseingang verkündet ein Schild "Marinaleda kämpft für den Frieden". © Monica Gumm für MERIAN

Andalusien ist karg. Olivenplantagen so weit das Auge reicht. Knorrige, gebeugte Bäume, geknechtete Menschen ohne viel Besitz. Die meisten arbeiten als jornaleros, als Tagelöhner, auf Land, das einigen wenigen Großgrundbesitzern gehört. So ist es hier seit Generationen. Nur nicht in Marinaleda, einem zwischen Sevilla und Córdoba gelegenen Städtchen.

Innerhalb weniger Minuten ist die Autonome Republik Marinaleda, wie dieses "unbeugsame Dorf" oft halb spöttisch, halb neidisch genannt wird, durchfahren. Man passiert ein großes Kulturzentrum, eine Sporthalle, einen Rockschuppen, einen Park samt Amphitheater, ein Schwimmbad, einen Kindergarten, kurz: eine Zahl öffentlicher Bauten, die in einem knapp 3.000-Einwohner-Dorf überrascht, erst recht hier, in Andalusien.

Die Parkmauern zieren Graffiti, nicht nachts in illegaler Heimlichkeit hingesprüht, sondern vor aller Augen, mit Zustimmung der Mehrheit der Bevölkerung: Aufrufe zum Frieden, zur Gerechtigkeit, ein Wort ist besonders häufig zu lesen – utopía, Utopie. Und tatsächlich ist es hier nicht, wie andernorts, bei bloßen Appellen geblieben.

Das Land von Marinaleda, gute 1.200 Hektar groß, wird von einer Kooperative verwaltet. Der landwirtschaftliche Genossenschaftsverbund El Humoso baut Oliven und Artischocken, Zucchini und Bohnen an, die in der eigenen Dosenfabrik weiterverarbeitet werden; außerdem Gewürze wie Oregano. Und auch wenn die Landarbeiter von Marinaleda weiter jornaleros sind, für einen Arbeitstag von sechs Stunden auf dem Feld zum Lohn 47 Euro erhalten: Was El Humoso zusätzlich erwirtschaftet, fließt hier nicht in die Kasse eines adeligen duque oder einer duquesa. Es kommt der Gemeinschaft zugute.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 10/2018 © MERIAN

In Marinaleda gibt es so gut wie keine Arbeitslosen, die soziale Schere geht kaum auseinander, ein Eigenheim kostet 15 Euro im Monat. Wichtige Entscheidungen werden in wöchentlichen Versammlungen, den asambleas, getroffen, zu denen alle Einwohner eingeladen sind, neben den Erwachsenen auch die Jugendlichen. Diese wahr gewordene Utopie ist eine Ausnahme in Andalusien, wo heute jeder Vierte ohne Job ist, bei den Jüngeren bis 24 sogar jeder zweite.

Auch wenn sich der wirtschaftliche Kreislauf eines Dorfes kaum mit dem einer Provinz, gar mit dem eines Landes vergleichen lässt – in Spanien liegt die Arbeitslosenquote bei fast 17 Prozent –, so wird Marinaleda doch gerne als Beispiel bemüht: dafür, dass eine gerechtere Verteilung die Gemeinschaft stärkt und allen zugutekommt.

"Wir gingen jeden Tag zum Stausee von Cordobilla und protestierten dafür, Wasser zu bekommen", erinnert sich Arbeiter José an die Zeit Ende der 1970er Jahre. Und als sie einmal angefangen hatten, für freien Zugang zum Wasser zu kämpfen, machten sie weiter, forderten auch Zugang zu dem Land, das sie seit Generationen beackerten.

Denn noch war es in Marinaleda so wie im restlichen Andalusien: Bei sogar 60 Prozent lag damals die Arbeitslosigkeit, die meisten Betroffenen waren Bauern ohne Boden. Zwei Prozent der Bevölkerung besaß die Hälfte des Landes. Hunger war keine Seltenheit hier in Südspanien, die Kinder gingen im Sommer aufs Feld statt in die Schule. "Das ganze Dorf, damals nur 500, 600 Menschen, war auf den Barrikaden", auch der damals 14-jährige José, "wir wollten arbeiten dürfen."