Wir stehen am Abgrund, unter uns ein spärlicher Rest Morgennebel, in der Entfernung das metallische Glitzern des Gardasees. Man hört hier oben nicht viel, keine Vögel, keine Motoren, nur ein eigentümliches Rauschen hängt in der Luft. Ist das der gefährliche Nordwind, von dem sie erzählt haben?

Kristina, Sabiá und ich hocken auf einem winzigen Plateau in der Wand, hinter uns Felsen, rechts und links ein paar Krüppelkiefern. Vor uns das Nichts. Die beiden haben ihr Equipment ausgebreitet: Helme, minutiös gepackte Fallschirme, Kameras. Viel Platz ist nicht. Die beiden steigen in ihre Wingsuits wie andere Leute in zu enge Jeans, auf einem Bein hüpfend, kichernd, fluchend. Er trägt optimistisches Schwarz, sie ein waghalsiges Pink. Ich stehe daneben und bewege mich keinen Millimeter. "Cabrito", sagt Kristina und beißt krachend in einen Apfel. "Marmota", nickt Sabiá und zurrt seinen Fallschirm fest. Zicklein und Murmeltier. Beide grinsen mir zu. Ich bin der Angsthase.

Zum Absprungort sind es noch zehn, vielleicht fünfzehn Schritte. "Exit Point" nennen die beiden das. Das Plateau wird zu einem schmalen Grad, dreißig, vierzig Zentimeter vielleicht, rechts und links klammern sich ein paar drahtige Bäume in die Wand. Ich habe mich in eine Art Klettergeschirr gezwängt, die Karabiner klirren bei jedem meiner winzigen Schritte. Sabiá sagt irgendetwas, das ich nicht verstehe, er lacht fröhlicher, als mir lieb ist. Das Rauschen in meinen Ohren wird lauter. Ein Kiesel löst sich und verschwindet im Nichts.

Nach einer Ewigkeit erreichen wir die Felsnase. Unter uns liegen jetzt 1.200 Meter klare Winterluft. Ich hake mich  an einem Baum fest, aber das Seil kommt mir viel zu dünn vor. Ich umklammere mit der Linken den Strick und mit der Rechten meine Kamera, langsam schiebe ich mich an die Kante und spähe hinunter. Autos, Straßen, Bäume wie hingekritzelt, die Landewiese eine Briefmarke. Kristina und Sabiá positionieren sich rechts und links von mir. Sie nestelt an ihrem Anzug, einmal, zweimal, dann richtet sie sich plötzlich kerzengerade auf und zieht die Luft durch die Nasenlöcher. Kristina sieht glücklich aus. Sabiá starrt klar und konzentriert geradeaus. Die Sonne strahlt, es ist kalt hier oben.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 06/2016 © MERIAN

"Ready, Marmota?"
"Ready to fly, Cabrito!"
"One, two, three ..."
"See ya!" 

Vorgestern in der Abenddämmerung, auf dem Weg durch Riva del Garda, hatte ich mir ausgemalt, welche Sorte Mensch diese Wingsuit-Springer sein würden. Ich hatte Geschichten und Gerüchte gehört. Diese Vogelmenschen tränken ausschließlich schwarzen Kaffee und Red Bull, hatte meine Zimmerwirtin mir erklärt, im Grunde seien sie alle lebensmüde. Zumindest aber verrückt. Veramente pazzo! Diese Leute vom Monte Brento, hatte sie erklärt, diese Leute tanzen mit dem Tod. Wenn ich mit jemandem über die Objektspringer reden wolle, könne sie mir James Boole empfehlen, einen Briten, der hier am Gardasee lebe. Er sei so was wie der Pressesprecher der Sportart.