Der Monte Brento gehört zu den beliebtesten Spots der internationalen Basejumper-Szene. BASE ist ein Kurzwort für "Buildings, Antennas, Spans and Earth" – die Athleten stürzen sich von allem, was kein Flugzeug ist: von Wolkenkratzern, Fernsehtürmen und Autobahnbrücken. Nördlich des Gardasees hängt eine spektakuläre Klippe über dem kleinen Örtchen Dro, adlernasig und Furcht einflößend, 1.200 Meter freier Fall. Die Springer kommen aus der ganzen Welt, denn am Monte Brento kann man legal springen.

Im Sommer fliegen sie zu Dutzenden ins Tal. Manche tragen sogenannte Wingsuits, mit denen sich der freie Fall einigermaßen gut kontrollieren und die Flugzeit erhöhen lässt. Andere springen ohne und steuern nur mit Armen und Beinen. Basejumping ist ein Hochrisikosport, am Monte Brento sind schon etliche Menschen in den Tod gestürzt. Jeder winzige Fehler kann fatal sein. 150 Meter über dem Boden ziehen die Springer die Reißleine, die schmalen Fallschirme bremsen den Sturz, und die Verrückten landen auf der winzigen Wiese neben der Bar Parete Zebrata.

Als ich bei James Boole ankomme, rutscht der Vogelmensch auf Wollsocken durch die Küche und kocht Tee. Very British. An der Kühlschranktür hängen Kinderzeichnungen und Familienbilder. James ist ursprünglich einmal als Ingenieur für Fiat nach Italien gekommen, seit ein paar Jahren wohnt er jetzt mit Frau und Kind hier am Gardasee. Als Ingenieur arbeitet er längst nicht mehr. Er erzählt, dass er als Jugendlicher einmal den Film "The Gypsy Moths" gesehen habe, Gene Hackman und Burt Lancaster als Fallschirmspringer. Er sei so fasziniert gewesen, dass er auch damit begonnen habe. Dann den hanebüchenen Actionfilm "Point Break" mit Patrick Swayze und den ersten Basejump-Sequenzen. Boole wird enthusiastisch, wenn er von diesen prägenden Filmen erzählt, von seiner Arbeit als Stuntfilmer für das Remake von "Point Break", das gerade in den Kinos läuft, von den Legenden und Mythen seiner Sportart. "Sunshine Superman" müsse ich sehen! Großartig! Noch Tee?

James Boole ist ein freundlicher Mittdreißiger, drahtig und auf angenehme Weise unscheinbar, er ist das Gegenteil des Waghalses, Adrenalinjunkies, Funsportlers, den mir meine Wirtin angekündigt hatte. Er trinkt nicht, er kifft nicht, Energydrinks trinkt er nur selten. Wenn man ihn nach Risiko und Wahnsinn seiner Sportart fragt, hat er wohlüberlegte Rechtfertigungssätze parat. Er spricht von unumstößlichem Respekt gegenüber der Natur, vor Wind und Fels, vom akribischen Warten des Equipments. "Wir sind nicht verrückt", sagt James und stellt mir eine Tasse vor die Nase. Er betrachtet die Risiken des Lebens mit den Augen des Ingenieurs.

Dann ist die Familie komplett: Booles Frau Kristina und die kleine Tochter kommen nach Hause, sagen kurz hallo und lesen dann Bilderbücher. Kristina Raskina kommt aus Moskau und ist ebenfalls Basejumperin. Die beiden haben sich an irgendeinem Abgrund in China, Russland oder Frankreich kennengelernt. Ihr Geld verdienen die beiden mit Unterricht, sie entwerfen Wingsuits und Equipment, James arbeitet als Kameramann. Sie sind moderne 50/50-Eltern, im Grunde ist alles ganz normal: Sie teilen ihr Leben zu gleichen Teilen, Kinderdienst und Arbeit, Sicherheit und Risiko. Mit einem Unterschied: Ihre Wohnung in Torbole haben sie ausgesucht, weil sie im riesigen Wohnzimmer ihre Fallschirme ausbreiten und akkurat falten können. "Meine Eltern fliegen", sagt die Tochter, wenn sie nach dem Beruf ihrer Eltern gefragt wird.

Später dann Abendessen bei Alfio. Das Restaurant versteckt sich in einer Mini-Mall, hierhin verirrt sich kein Tourist, aber der Laden ist pickepackevoll und das Essen fantastisch. Wir sitzen unter Neonröhren, der Tischlärm ist herzlich und ohrenbetäubend. James und Kristina treffen hier einen brasilianischen Freund, Luiz Henrique Tapajós Antunes dos Santos, Mitte vierzig, Künstlername Sabiá. Der Kerl ist eine Legende, er ist gerade erst angekommen und will gleich morgen mit auf den Brento. Es gibt nur ein paar Hundert Basejumper auf der Erde, die Community ist winzig. Man hat sich viel zu erzählen, Gossip und Heldengeschichten, auch Todesfälle. Wir sprechen über den unglaublichen Flug des Schweizers Uli Emanuele durch das Nadelöhr von Lauterbrunnen und spotten über die unbedarfte, aber spektakulär finanzierte Taumelei des Felix Baumgartner. "Du kannst mitkommen", sagt Kristina, und Sabiá grinst. Der Abend endet früh, denn die Springer brauchen morgen einen klaren Kopf. Und James hat Kinderdienst.

Am nächsten Morgen stehe ich am Tresen der kleinen Bar Parete Zebrata. Schinkenbrötchen und Dolci, Zigaretten und Lollipops. Vor dem Fenster ist es stockdunkel, auf dem Parkplatz warten Jeeps und Vespas. In der winzigen Bar sitzen ein paar Forstarbeiter vor ihren Espressotassen. Ich sehe mich um, an den Wänden hängen Fotos von euphorisch grinsenden Männern und Frauen mit Fallschirmen und Helmen. Die Bedienung stellt mir einen Kaffee vor die Nase und fragt, ob ich Journalist sei. "Journalisten gucken immer so nervös, wenn sie mit auf den Berg müssen."