Um kurz vor sieben kommen die Springer, Frühstück auf die Hand und los. Als wir die Bar verlassen, dämmert es. Auf den Wiesen liegt der Frost, hoch über den Bäumen thront blass und bedrohlich der Monte Brento. Die beiden werfen ihre Fallschirme in den Kofferraum. "Du fährst", sagt Kristina, "du musst ja irgendwie auch wieder runterkommen." Hinter Arco biegen wir ab in die Berge, wir kurven die Serpentinen nach oben, langsam fällt das Tageslicht ins Tal. Aus Dörfern werden Dörfchen, aus Gassen werden Gässchen, schließlich kriecht schorfiger Schnee auf den Weg. Hier oben ist niemand.

Irgendwann geht es nur noch zu Fuß weiter. Kristina bestimmt das Tempo, sie kennt hier oben jeden Stamm und Stein. Sabiá trottet hinterher und macht seine Witzchen. Bergziege und Murmeltier. Der Weg führt erst sanft bergan, dann wird er steil und steiler. Nach einer halben Stunde stummer Kletterei beginnt Kristina zu erzählen: wie sehr sie diesen Weg liebe, den sie so oft gehe, manchmal zwei Mal am Tag, die Jahreszeiten in den Bäumen! Wie sich der Wald öffnet und den Blick auf die Dolomiten freigibt! Dort hinten, siehst du? Ab und zu legt sie Pfeile aus Ästen auf den Weg, die allesamt zurück ins Tal weisen. "Damit du dich nicht verläufst", erklärt sie. Die beiden sind in sechzig Sekunden wieder im Tal, ich werde Stunden brauchen. "Wenn dich der Bär entdeckt, bist du etwas schneller", grinst Sabiá.

Wir steigen höher und höher, der Wald um uns flüstert und knackt und raunt, und Kristina erzählt von den Wänden und Gipfeln, die sie erklommen hat, vom Blick in die Tiefe, der totalen Konzentration und der plötzlichen Entgrenzung im Flug. Der Euphorie nach der Landung. Auch Kristina verschweigt die Gefahren ihres Sports nicht, sie erzählt von Heldentaten und Todesfällen und Trauer, aber sie zögert keine Sekunde dabei, sie spricht von Kausalitäten und Wahrscheinlichkeiten. Der Tod springt mit, aber sie scheint keine Angst zu haben. "Angst nein", lächelt sie, "Respekt unbedingt." Respekt vor dem Abgrund. Respekt vor dem Wetter. "Und Liebe für den Augenblick", sagt Kristina, und ausgerechnet als sie das sagt, biegt plötzlich die Sonne um die Ecke und taucht alles in ein unfassbar klares Gold: die Bäume, die Felsen und uns.

Als wir endlich das Plateau erreichen, unter uns die große, gefährliche Leere, geht alles ganz schnell. Der Wind steht günstig. Kristina und Sabiá erledigen die Dinge, die sie schon Hunderte Male erledigt haben. Jeder Handgriff sitzt: Anzug an, Fallschirm auf den Rücken, Reißleine überprüfen, Steuerung überprüfen und Kameras an den Helm. Kristina ruft noch einmal James an, der jetzt gerade unterwegs zum Kindergarten ist. Sabiá überprüft zum letzten Mal den Sitz meines Klettergurtes, dann schicken mich die beiden über den schmalen Grat. Ich binde mich an das viel zu dünne Bäumchen und schiebe mich Zentimeter für Zentimeter vor bis zur Kante. Ich sehe 1.200 Meter senkrecht nach unten, meine Kamerahand zittert. Der Nebel hat sich verzogen, die Luft ist kalt, der Gardasee glitzert, aber das sind nur Details. Kristina scheint plötzlich zu leuchten, und auch Sabiá hört auf zu scherzen. "Am Exit Point siehst du alles", hat Kristina gesagt. "Und alles ist klar." Die beiden stehen dort und sortieren ihre Gedanken, eine Minute, zwei Minuten, das Blut rauscht, die Zeit steht still. Kristina atmet ein und aus und ein, ihr Lächeln huscht über die Berge.

"Ready, Marmota?"
"Ready to fly, Cabrito!"
"One, two, three ..."
"See ya!"

Auf dem verwackelten Video wird man später erkennen, wie die beiden sich erstaunlich langsam in die Luft werfen, wie sie dort Sekundenbruchteile zu hängen scheinen, vogelartig, engelsgleich, wie sie ihre Flügel entfalten, wie sie aus der Zeit fallen. Und dann sind sie plötzlich verschwunden. Plötzlich stehe ich allein auf einem Felsen, und nur ein dünnes Stückchen Seil hält mich am Leben. Ich beuge mich ein Stück weiter vor, um Kristina und Sabiá zu finden. Nichts. Das Seil spannt, der Kiesel löst sich und verschwindet. Ich befürchte das Schlimmste. Noch ein Stückchen weiter: Nichts. Aber dann tauchen die beiden viel weiter links auf als erwartet, sie rauschen an der Wand entlang, wie Insekten sehen sie aus, wie Sterne vielleicht.
Sie fliegen.